Der 1933 geborene Architekt ist nach Auskunft des Wissenschaftsministeriums der älteste dokumentierte Promovend Österreichs.
An der TU Graz wird in diesen Tagen ein außergewöhnliches Kapitel universitärer Geschichte geschrieben: Der Grazer Architekt, Architekturtheoretiker, Autor und Hochschullehrer Eugen Gross schließt im Alter von 93 Jahren erfolgreich sein Doktoratsstudium ab. Laut Wissenschaftsministerium ist er damit der älteste seit dem Jahr 2000 österreichweit dokumentierte Promovend. Für frühere Zeiträume liegen keine vollständig auswertbaren Daten vor. An der TU Graz ist er jedenfalls der älteste Promovend in der Geschichte der Universität und setzt ein eindrucksvolles Zeichen für wissenschaftliche Neugier und lebenslanges Lernen.
„Die Promotion von Eugen Gross ist eine außergewöhnliche persönliche Leistung und zugleich eine Inspiration für unsere gesamte Universitätsgemeinschaft“, betont Horst Bischof, Rektor der TU Graz. „Sein Lebensweg zeigt eindrucksvoll, dass wissenschaftliche Neugier, Kreativität und der Wille zur Erkenntnis keine Altersgrenzen kennen. Ich gratuliere Herrn Gross von Herzen.“
Mitgründer der „Werkgruppe Graz“
Über Generationen hinweg prägte der 1933 in Bielitz-Biala in Ostschlesien geborene Eugen Gross die österreichische Architektur- und Planungskultur. Gemeinsam mit den Architekten Friedrich Groß-Rannsbach, Werner Hollomey und Hermann Pichler gründete er die „Werkgruppe Graz“ und schuf einige der wichtigsten Bauwerke der österreichischen Nachkriegsmoderne. Die Werkgruppe realisierte in drei Jahrzehnten mehr als 100 Projekte im In- und Ausland. Zu den bekanntesten zählen die Terrassenhaussiedlung Graz-St. Peter, das Studentenheim Hafnerriegel, das Studentenhaus Leechgasse/Sonnenfelsplatz, die Erste Chirurgische Universitätsklinik am LKH Graz sowie das vielfach ausgezeichnete Druckzentrum der Styria in Graz-Messendorf.
Die akademische Laufbahn von Eugen Gross begann bereits vor nahezu sieben Jahrzehnten. Nach seinem Architekturstudium an der Technischen Hochschule Graz, der heutigen TU Graz, graduierte er 1958 zum Diplomingenieur für Architektur. Kurz darauf wurde er Assistent des Architekten und Raumplaners Hubert Hoffmann und widmete sich viele Jahre lang der Lehre und Forschung an der TU Graz.
Freude an der Wissenschaft kennt kein Alter
Sein Doktoratsstudium nahm Eugen Gross im Wintersemester 2023 auf und absolvierte es in Mindestzeit. „Der entscheidende Grund für das Doktorat ist die Freude, die ich an wissenschaftlicher Arbeit habe“, sagt Gross. „Auch mit 93 Jahren möchte ich einen Beitrag zur wissenschaftlichen Entwicklung leisten und die Erfahrungen aus mehr als 60 Jahren Berufspraxis als Architekt in die Diskussion über Architektur einbringen.“
In seiner Dissertation „ARCHAEA URBANA – Die städtebauliche Utopie als virtuelle Stadtgründung, dargestellt an der Wechselwirkung von Insel und Struktur“ untersucht Gross utopische Stadtentwürfe als „virtuelle Stadtgründungen“. Ausgangspunkt ist seine jahrzehntelange Beschäftigung mit städtebaulichen Utopien, die bis zu seinem 1968 veröffentlichten Text „Die Wirklichkeit der Utopie im Städtebau“ zurückreicht. In seiner Dissertation entwickelt Gross das sogenannte „Prinzip der doppelten Umkehr“. Es beschreibt Architekturwahrnehmung als einen wechselseitigen Prozess von Raum und Zeit, bei dem Brüche und Perspektivwechsel architektonische Qualität sichtbar machen. Dieses Modell wendet er unter anderem auf die Terrassenhaussiedlung in Graz-St. Peter an. „Ein Bau ist mit seiner Fertigstellung nicht vollendet, sondern wird vom Betrachter und Nutzer immer wieder neu geschaffen“, sagt Gross. „Diese Sichtweise hat mich auch in meiner wissenschaftlichen Arbeit begleitet.“ Betreut wurde seine Dissertation von Anselm Wagner vom Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz.
Neben seiner Tätigkeit als Architekt wirkte Eugen Gross als Architekturtheoretiker, Juror, Ausstellungsmacher, Autor und Hochschullehrer. Er lehrte unter anderem an der Washington University in St. Louis sowie an der Ortweinschule Graz, als Gastkritiker war er an internationalen Universitäten tätig. Seine Publikationen und Beiträge zur Architekturdebatte prägten die Entwicklung der österreichischen Architektur über Jahrzehnte.