Bei der jüngsten Ausschreibungsrunde für die Starting Grants des Europäischen Forschungsrats (ERC) waren zwei Nachwuchswissenschaftlerinnen des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) erfolgreich: Dr. Jingyuan Xu entwickelt im Projekt COOLWEAVE eine klimaschonende Kühltechnologie. Dr. Maryia Rusak untersucht im Projekt DATAARK, wie ein nach dem Zweiten Weltkrieg europaweit entwickeltes Klassifikationssystem für Bauinformationen große Architekturprojekte in Europa und darüber hinaus beeinflusste. Der ERC fördert die auf fünf Jahre angelegten Vorhaben mit je 1,5 Millionen Euro.
„Dass mit Jingyuan Xu und Maryia Rusak zwei Wissenschaftlerinnen des KIT in so unterschiedlichen Disziplinen einen ERC Starting Grant erhalten, ist ein herausragender Erfolg“, sagt Professor Stefan Hinz, Vice Provost Wissenschaftlicher Nachwuchs des KIT. „Die Förderungen würdigen ihren Mut zu neuen Forschungsansätzen und ihre bisherige wissenschaftliche Leistung. Zugleich unterstreichen sie die große fachliche Breite und das Potenzial des wissenschaftlichen Nachwuchses am KIT.“
Gewebestrukturen für leistungsfähige Kühlsysteme
Heizen und Kühlen verursachen rund die Hälfte des weltweiten Endenergieverbrauchs. Konventionelle Kühlsysteme verwenden meist gasförmige Kältemittel, die bei Freisetzung zur Erderwärmung beitragen können. Eine Alternative ist die elastokalorische Kühlung: Formgedächtnislegierungen erwärmen sich unter mechanischer Belastung und kühlen beim Entlasten wieder ab.
Im Projekt „Elastocaloric Cooling with Porous Woven Regenerator“ (COOLWEAVE) will Thermowissenschaftlerin Dr. Jingyuan Xu diese Technik deutlich leistungsfähiger machen. Dafür setzt sie auf poröse Gewebe aus Nickel-Titan-Drähten als Regeneratoren – Bauteile, die Wärme aufnehmen und abgeben. Die von Textilien inspirierten Strukturen bieten eine bis zu 30-mal größere Wärmeaustauschfläche als einfache Röhrenkonstruktionen. So sollen kompakte und leistungsfähige Kühlgeräte entstehen. „Mit den gewebten Strukturen wollen wir elastokalorische Kühlsysteme leistungsfähiger, kompakter und skalierbarer machen. Am KIT können wir den gesamten Weg gehen – von den Grundlagen bis zur Demonstration fertiger Systeme“, sagt Xu. Mithilfe der Starting-Grant-Mittel wollen sie und ihr Team zunächst das Verhalten und die Lebensdauer der Gewebe untersuchen. Im Anschluss sollen Prototypen entwickelt und skaliert werden. Zuletzt erproben sie das neuartige Klimasystem am KIT Energy Lab unter realen Bedingungen.
Xu wurde 2018 an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften promoviert. Anschließend forschte sie in Cambridge und am Imperial College London. Seit 2021 ist sie am Institut für Mikrostrukturtechnik des KIT tätig. Seit 2023 leitet sie dort die von der Carl-Zeiss-Stiftung geförderte CZS-Nexus-Forschungsgruppe „Emissionsfreie und umweltfreundliche Heiz- und Kühltechnologien“. Für ihre Forschung wurde Xu bereits vielfach ausgezeichnet – zuletzt 2025 mit dem L’Oréal-UNESCO For Women in Science Award.
Architektur als Informationsinfrastruktur
Im Projekt „Designing United Europe: Data-Driven Architectural Networks“ (DATAARK) untersucht Dr. Maryia Rusak innereuropäische Bemühungen, architektonische Informationen nach dem Zweiten Weltkrieg zu vereinheitlichen. Im Zentrum steht das Klassifikationssystem des International Council for Building Research and Documentation (CIB). Bauteile und Bauprozesse wurden hiermit klassifiziert und codiert, um die Informationen sprachübergreifend und computergestützt verarbeiten zu können. Anhand internationaler Archivquellen zeichnet Rusak die Anwendung des Systems bei großen Bauprojekten in Europa und darüber hinaus nach. Sie fragt, wie es Kommunikation, Entwurf und Bau beeinflusste und wo sein universeller Anspruch auf lokale Baukulturen traf. So erschließt DATAARK die informationellen Grundlagen der Nachkriegsarchitektur und eine Vorgeschichte des heutigen Building Information Modeling (BIM).
Rusak ist Architektin und Architekturhistorikerin; sie forscht zu transnationalen Architekturgeschichten und den weniger sichtbaren Prozessen der Architekturproduktion. 2022 promovierte sie an der Oslo School of Architecture and Design, anschließend war sie bis 2024 ETH Postdoctoral Fellow an der ETH Zürich. Von 2024 bis 2026 war sie Junior Research Fellow am Institut Entwerfen, Kunst und Theorie der KIT-Fakultät für Architektur. Im September 2026 wechselt sie an die Katholische Universität Löwen (KU Leuven), wo sie ihr Starting-Grant-Projekt umsetzt.
ERC Starting Grants 2026
Starting Grants richten sich an herausragende Forschende aller Fachrichtungen, deren Promotion in der Regel zwei bis sieben Jahre zurückliegt. In der Ausschreibungsrunde 2026 hat der ERC insgesamt 421 Starting Grants vergeben, 89 davon an Forschende mit einer Host Institution in Deutschland. Die ausgewählten Vorhaben werden längstens fünf Jahre mit jeweils bis zu 1,5 Millionen Euro gefördert. Eingegangen waren 4.807 Anträge; die Bewilligungsquote beträgt 8,8 Prozent.