Menschen mit Sehbehinderung scheitern im Arbeitsalltag oft nicht an ihrer Qualifikation, sondern an Barrieren ihrer Umgebung. Ein mobiles Assistenzsystem, das Forschende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und des Fraunhofer-Instituts für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB entwickeln, soll ihnen mehr Selbstständigkeit im Arbeitsalltag ermöglichen und qualifizierten Fachkräften den Zugang zu Arbeitsplätzen erleichtern. Extended-Reality-Brillen (XR) kombiniert mit Künstlicher Intelligenz sollen die Arbeitsumgebung an die individuellen Sehbedürfnisse anpassen.
Für viele sehbehinderte Fachkräfte sind alltägliche Aufgaben ein Hindernis: Ein Geräteetikett lesen, eine handschriftliche Notiz entziffern oder sich in fremden Räumen orientieren kostet Zeit oder erfordert Hilfe. Klassische Hilfsmittel stoßen außerhalb des Bildschirmarbeitsplatzes oft an ihre Grenzen. Hier setzt das Projekt AssistiveXR4Work an: „Wir entwickeln ein System, das visuelle Informationen automatisch erkennt, vergrößert, kontrastreicher darstellt oder vorliest – und sich so an die individuellen Sehbedürfnisse anpasst“, sagt Professor Rainer Stiefelhagen vom Zentrum für digitale Barrierefreiheit und Assistive Technologien (ACCESS@KIT) des KIT. „In einem Meeting kann es etwa Inhalte eines Whiteboards automatisch erkennen und vergrößern oder handschriftliche Notizen in Klartext übertragen und direkt weiterverarbeiten.“ In technischen Arbeitsumgebungen wiederum kann das System bei der Orientierung helfen und relevante Komponenten hervorheben.
Das System nutzt moderne XR-Brillen mit hochauflösendem Kamerabild. Diese erfassen die Umgebung kontinuierlich und passen die Darstellung an die individuellen Sehbedürfnisse digital an: Kontraste werden verstärkt, Inhalte vergrößert, Texte erkannt und auf Wunsch vorgelesen. Zusätzlich unterstützt eine integrierte KI bei der Orientierung oder erkennt Objekte im Umfeld. Bei Bedarf kann zudem über einen Livestream ein Mensch zugeschaltet werden, der Unterstützung bietet.
Inklusion trifft Fachkräftesicherung
Das Projekt verbessert nicht nur die Teilhabe am Arbeitsleben, es adressiert auch den Fachkräftemangel. Denn viele qualifizierte Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz oder müssen das Tätigkeitsfeld wechseln, wenn ihre Sehkraft nachlässt. AssistiveXR4Work soll dazu beitragen, dass sie ihren Beruf weiterhin ausüben können. Laut des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, einer Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, sind Schwerbehinderungen in Deutschland weit verbreitet und treten zum Großteil im Laufe des Erwerbslebens auf. Die Wahrscheinlichkeit, fünf Jahre später noch erwerbstätig zu sein, ist bei diesen Menschen um etwa 16 Prozentpunkte geringer.
Ein funktionsfähiger Demonstrator soll in den kommenden vier Jahren entstehen und anschließend in der Praxis erprobt werden. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales fördert das Projekt mit rund 1,5 Millionen Euro. (mex)
Im Dialog mit der Gesellschaft entwickelt das KIT Lösungen für große Herausforderungen – von Klimawandel, Energiewende und nachhaltigem Umgang mit natürlichen Ressourcen bis hin zu Künstlicher Intelligenz, technologischer Souveränität und demografischem Wandel. Als Die Universität in der Helmholtz-Gemeinschaft vereint das KIT wissenschaftliche Exzellenz vom Erkenntnisgewinn bis zur Anwendungsorientierung unter einem Dach – und ist damit in einer einzigartigen Position, diese Transformation voranzutreiben. Damit bietet das KIT als Exzellenzuniversität seinen mehr als 10 000 Mitarbeitenden sowie seinen 23 000 Studierenden herausragende Möglichkeiten, eine nachhaltige und resiliente Zukunft zu gestalten. KIT – Science for Impact.
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