Was im bronzezeitlichen Südkaukasus auf den Tisch kam
en-GBde-DEes-ESfr-FR

Was im bronzezeitlichen Südkaukasus auf den Tisch kam

21/04/2026 Universität Bonn

Milchprodukte, Wein und mehr: Ernährungsgewohnheiten und kulinarische Praktiken der Kura-Araxes-Gemeinschaften

Welche kulinarischen Praktiken herrschten während der Bronzezeit im Südkaukasus vor? Die Küche war außergewöhnlich reichhaltig. Das hat ein internationales Forschungsteam der Universitäten Bonn und Bari mit weiteren wissenschaftlichen Institutionen wie dem Centre national de la recherche scientifique (CNRS) und der Aserbaidschanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften herausgefunden. Die neuen Belege zeigen, dass die Küche aus vielen Zutaten bestand. In den Kura-Araxes-Gemeinschaften spielten vor allem Milchprodukte, Obst und Traubengetränke eine zentrale Rolle. Die Ergebnisse sind nun im Journal PNAS veröffentlicht.

Die Kura-Araxes-Kultur ist nach den beiden Hauptflüssen des Südkaukasus benannt, Kura und Araxes, die beide ins Kaspische Meer münden. Diese prähistorische Kulturtradition, die um die Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. im Südkaukasus entstand, breitete sich aus und entwickelte sich bis zum frühen bis mittleren 3. Jahrtausend v. Chr. zum am weitesten verbreiteten kulturellen Phänomen in Südwestasien. Sie entwickelte sich innerhalb kleiner, auf Haushalten basierender Gemeinschaften, in scharfem Kontrast zu den zeitgleichen urbanen Entwicklungen der frühen Staats- und Hierarchiegesellschaften Mesopotamiens.

„Durch die Kombination von technologischen, morphologischen, nutzungsbedingten Abnutzungs- und biomolekularen Analysen von 52 Keramikgefäßen aus der Kura-Araxes-Siedlung Qaraçinar (Aserbaidschan), die auf ca. 2800–2600 v. Chr. datiert werden, und die Integration dieser Ergebnisse mit botanischen und faunistischen Daten haben wir ein breites Spektrum an materiellen Belegen untersucht, um die Ernährungsgewohnheiten und kulinarischen Praktiken der Kura-Araxes-Kultur zu rekonstruieren“, erklärt Prof. Maxime Rageot, biomolekularer Archäologe an der Universität Bonn. Der Wissenschaftler ist auch Mitglied in den Transdisziplinären Forschungsbereichen „Present Pasts“ sowie „Life & Health“ an der Universität Bonn.

Charakteristische Keramik

„Die Keramik, die im Mittelpunkt dieser Forschung steht, war einer der charakteristischsten Ausdrucksformen der Kura-Araxes-Tradition und ein wesentlicher Indikator für deren Ausbreitung. Sie spielte eine entscheidende Rolle bei den Prozessen der sozialen Integration und bei der kulturellen Weitergabe der Kura-Araxes-Gemeinschaften über Raum und Zeit hinweg“, fügt Prof. Giulio Palumbi hinzu, Archäologe an der Universität Bari und am CNRS, der das Ausgrabungsprojekt leitet. Qaraçinar, gelegen am östlichen Vorgebirge des Kleinen Kaukasus, wurde in Zusammenarbeit mit Muzaffar Huseynov und Bakhtiyar Jalilov vom Institut für Archäologie und Anthropologie der Aserbaidschanischen Nationalakademie der Wissenschaften von 2019 bis 2024 ausgegraben.

Rückstände in Keramikgefäßen als Ansatzpunkt

Außergewöhnlich gut erhaltene organische Rückstände in Keramik lieferten solide biomolekulare Belege für die Zubereitung und den Verzehr von Obst- und Traubenprodukten, Pflanzenölen und -wachsen, Nadelbaumharzen, Milchprodukten und anderen Wiederkäuerfetten, beispielsweise aus Fleisch. Die Forschenden identifizierten zudem Marker für thermische Verarbeitung, die mit wiederholten Kochaktivitäten übereinstimmen. Diese Ergebnisse belegen die herausragende Rolle von Milchprodukten und Wiederkäuerfetten in den Ernährungs- und Kochpraktiken der Kura-Araxes-Kultur, einschließlich der Verarbeitung von Milch zu Sekundärprodukten, wie vermutlich zum Beispiel auch Käse.

Die Ergebnisse werfen zudem ein neues Licht auf die Rolle und Bedeutung von Getränken auf Traubenbasis sowie deren Konsumgewohnheiten in den Gemeinschaften von Kura-Araxes. Möglicherweise wurde Wein getrunken, der bisweilen mit Nadelbaumharzen aromatisiert war. Innerhalb der nicht-hierarchischen Struktur der Gesellschaft von Kura-Araxes scheint dieses lokal verfügbare Produkt (das möglicherweise sogar von wilden Weinreben stammte) im Gegensatz zu zeitgenössischen mesopotamischen Kontexten nicht mit einem elitären oder prestigeträchtigen Konsum in Verbindung gebracht worden zu sein.

Vielfältige Verwendung von Trauben und Früchten

Trauben und andere Fruchtprodukte (fermentiert und nicht fermentiert) wurden nicht nur in Trink- und Serviergefäßen, sondern auch in zahlreichen Kochtöpfen sowie in einigen großen Vorratsgefäßen nachgewiesen, was auf vielfältige kulinarische Verwendungszwecke hindeutet, wie zum Beispiel das Würzen oder Süßen von Speisen und möglicherweise die Verwendung als Katalysatoren in biochemischen Prozessen wie der Käseherstellung. Darüber hinaus könnten Harze der Pinaceae sowohl als Aromastoffe als auch als Konservierungsmittel für Speisen und Getränke verwendet worden sein.

Die Identifizierung von Lebensmitteln oder Getränken auf Hirsebasis in Kura-Araxes-Keramik aus Qaraçinar deutet auf Fernverbindungen mit östlichen Regionen hin, da Hirse in dieser Zeit in Zentralasien angebaut wurde, jedoch zuvor noch nicht so früh und so weit im Westen dokumentiert worden war. Darüber hinaus zeigt diese Untersuchung erstmals einen funktionalen Unterschied zwischen den Keramiktypen auf: Einfarbige Keramik scheint hauptsächlich zum Kochen verwendet worden zu sein, während rot-schwarz polierte Gefäße wahrscheinlich für den Verzehr von rohen Milchprodukten und Getränken auf Obst- oder Traubenbasis, einschließlich Wein, bestimmt waren.

Zusammengenommen liefern diese Erkenntnisse neue Einblicke in das Alltagsleben und die kulinarischen Traditionen der Kura-Araxes-Gemeinschaften. „Die vielfältige Küche war allen zugänglich, in einer Gesellschaft mit geringen sozialen Hierarchien “, sagt Rageot. Die Resultate eröffnen zudem neue Perspektiven für die zukünftige Forschung und legen nahe, dass die Ausbreitung der Kura-Araxes-Tradition möglicherweise auch mit der Verbreitung charakteristischer kulinarischer Praktiken einherging, die ihren Ursprung im Südkaukasus hatten.

Förderung und beteiligte Institutionen

An dem internationalen Forschungsteam waren neben den Universitäten Bonn und Bari das Institut für Archäologie und Anthropologie der Aserbaidschanischen Nationalakademie der Wissenschaften, das Österreichische Archäologische Institut (ÖAW), das Muséum national d'Histoire naturelle in Paris (MNHN) und das Centre national de la recherche scientifique (CNRS) beteiligt. Die Studie wurde von der Agence Nationale de Recherche (ANR) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des ANR-DFG-Projekts KUR(A)GAN (geleitet von Giulio Palumbi und Svend Hansen, ANR-DFG -0006-01) sowie vom Ministère de l’Europe et des Affaires Étrangères (Mission Boyuk Kesik) finanziert.

Publikation: Maxime Rageot, Maria Bianca D’Anna, Muzaffar Huseynov, Bakhtiyar Jalilov, Alexia Decaix, Rémi Berthon, Qi Zeng, Jeremy Perez, Farhad Guliyev, Léa Drieu, Arnaud Mazuy, Martine Regert & Giulio Palumbi: Biomolecular analyses reveal grape-based beverages, dairy processing, and pottery function in Kura-Araxes culinary practices, PNAS, DOI: 10.1073/pnas.2529600123, URL: https://www.pnas.org/doi/epdf/10.1073/pnas.2529600123

Publikation: Maxime Rageot, Maria Bianca D’Anna, Muzaffar Huseynov, Bakhtiyar Jalilov, Alexia Decaix, Rémi Berthon, Qi Zeng, Jeremy Perez, Farhad Guliyev, Léa Drieu, Arnaud Mazuy, Martine Regert & Giulio Palumbi: Biomolecular analyses reveal grape-based beverages, dairy processing, and pottery function in Kura-Araxes culinary practices, PNAS, DOI: 10.1073/pnas.2529600123, URL: https://www.pnas.org/doi/epdf/10.1073/pnas.2529600123
Attached files
  • Traubenkern aus Qaraçinar, Aserbaidschan. Unten: Rot-schwarze und schwarzpolierte Gefäße aus Qaraçinar, Aserbaidschan. Fotos: A. Decaix, ANR SWEED und Mission „Boyuk Kesik“ & ANR KUR(A)GAN
21/04/2026 Universität Bonn
Regions: Europe, Azerbaijan, France, Germany, Italy
Keywords: Humanities, Archaeology

Disclaimer: AlphaGalileo is not responsible for the accuracy of content posted to AlphaGalileo by contributing institutions or for the use of any information through the AlphaGalileo system.

Testimonials

For well over a decade, in my capacity as a researcher, broadcaster, and producer, I have relied heavily on Alphagalileo.
All of my work trips have been planned around stories that I've found on this site.
The under embargo section allows us to plan ahead and the news releases enable us to find key experts.
Going through the tailored daily updates is the best way to start the day. It's such a critical service for me and many of my colleagues.
Koula Bouloukos, Senior manager, Editorial & Production Underknown
We have used AlphaGalileo since its foundation but frankly we need it more than ever now to ensure our research news is heard across Europe, Asia and North America. As one of the UK’s leading research universities we want to continue to work with other outstanding researchers in Europe. AlphaGalileo helps us to continue to bring our research story to them and the rest of the world.
Peter Dunn, Director of Press and Media Relations at the University of Warwick
AlphaGalileo has helped us more than double our reach at SciDev.Net. The service has enabled our journalists around the world to reach the mainstream media with articles about the impact of science on people in low- and middle-income countries, leading to big increases in the number of SciDev.Net articles that have been republished.
Ben Deighton, SciDevNet

We Work Closely With...


  • The Research Council of Norway
  • SciDevNet
  • Swiss National Science Foundation
  • iesResearch
Copyright 2026 by AlphaGalileo Terms Of Use Privacy Statement