Vornamen in westlichen Ländern sind heutzutage vielfältiger als vor dem Entstehen moderner Staaten. Dieser Unterschied kam im 17. Jahrhundert in weiten Teilen Europas und dem englischsprachigen Raum in Folge eines Wandels im Namenssystem auf. Die Entwicklung führte weg von zugeschriebenen Nachnamen aufgrund des Berufs oder Äußerlichkeiten, wie Hans (der) Kleine, hin zum vererbten Nachnamen. Diese Fixierung des Nachnamens bedeutete einen Informationsverlust im Namenssystem, der ausgeglichen werden musste – weshalb der erste Teil des Namens, der Vorname, heute immer vermitteln muss. Das haben Forschende der Universität Tübingen, des Massachusetts Institute of Technology (MIT), der University of California at Irvine und der University of Texas, Austin herausgefunden. Ihre Studie ist nun in Nature Communications erschienen.
Die Forschenden nutzten einen Ansatz basierend auf der Informationstheorie, mit der sich der Informationsgehalt in Wörtern mathematisch messen lässt. „Wir messen den Informationsgehalt daran, inwieweit jeder Teil eines Namens dazu beiträgt, Ungewissheiten mit Blick auf die Identität einer bestimmten Person auszuräumen“, sagte Michael Ramscar von der Universität Tübingen und Erstautor der Studie. Ein gängiger Name, den viele Personen tragen, wie Johannes, ist weniger geeignet einzelne Personen zu identifizieren, führt aber dazu, dass weniger Namen im System kursieren und das Gedächtnis nicht überfordert wird. Dasselbe gilt umgekehrt für ungewöhnliche Namen. „Gängige, vorhersagbare Vornamen wie Johannes beinhalten weniger Informationen, während unübliche und somit unvorhersagbare Vornamen wie Bartholomäus mehr Informationen vermitteln“, sagte Richard Futrell von der University of California at Irvine.
Weltweit, früher wie heute, haben Namenssysteme aus Sicht der Forschenden zwei wichtige Einschränkungen: Zum ersten müssen Namenssysteme eine gesonderte Identifikation einer Vielzahl an Menschen erlauben, während sie die Menge an Wörtern überschaubar halten müssen. Dafür entwickelten Gesellschaften weltweit Vornamen aus einer kleinen Menge an Wörtern wie Hans oder Karl in Kombination mit Alltagswörtern wie Müller, Schmied oder Klein. Indem Vornamen und Nachname kombiniert werden, lässt sich Informationen auf beide Namen verteilen. Das ermöglicht viele Namenskombinationen, um eine Person identifizieren zu können, ohne neue Wörter entwickeln zu müssen. Bevor vererbte Nachnamen aufkamen, konnte derselbe Hans – je nach Kontext – Hans (der) Schmid oder Hans (der) Kleine sein. Historisch betrachtet hatten Vornamen deshalb einen geringen Informationsgehalt und waren zugleich über Kulturgrenzen hinweg das vorrangige Mittel, um auf Personen zu verweisen.
In Südkorea teilt sich die Hälfte der Bevölkerung sechs Vornamen
Zwar mag es aus westlicher Perspektive seltsam erscheinen, dass heute 50 Prozent der südkoreanischen Bevölkerung sechs Wörter für den „Vornamen“ nutzen. Wobei es sich nur im Wortsinn um den „Vornamen“ handelt, denn im ostasiatischen Kulturraum stellt der erste Teil des Namens mit seinem geringen Informationsgehalt den vererbten, fixierten Teil dar. Im Gegensatz dazu wurde in westlichen Ländern der Nachname vererbt und damit fixiert. Die Studie zeigt, dass die historische Verteilung von Vornamen mit geringem Informationsgehalt in westlichen Ländern und die heutige Verteilung von „Vornamen“ mit geringem Informationsgehalt im ostasiatischen Kulturraum gesehen weitaus ähnlicher waren als heute. Historische Daten aus England zwischen 1550 und 1880 belegen das in Abständen von 50 Jahren. Die Hälfte der männlichen Bevölkerung erhielten Vornamen wie „John“, „William“, „Thomas“, die Hälfte der weiblichen „Ann“, „Mary“ und „Elizabeth“. Auch die historische Verteilung der restlichen Vornamen im England entsprach derer im heutigen Südkorea.
Als im Westen die Bevölkerung wuchs und sich staatliche Strukturen entwickelten, entstand die rechtliche Notwendigkeit, Menschen über vererbte Nachnamen zu identifizieren, weshalb sich flexible in fixierte Nachnamen wandelten. Deshalb mussten Vornamen mehr Informationen vermitteln als zuvor. Diese Entwicklung konnten die Forschenden anhand eines Datensatzes finnischer Kirchenbücher zwischen 1600 und 1900 und fünf Millionen Geburtsdaten nachvollziehen, die in dem Land asymmetrisch verlief. „Sie nahm im Osten ihren Anfang und ging dann in den Westen über“, wie Kyle Mahowald von der Universität of Texas (Austin) erklärt. „Die heutige Vielfalt an Vornamen in der westlichen Welt ist also weniger Ausdruck von Individualität, sondern eher Folge des begrenzten Informationsgehalts im vererbten Nachnamen“, sagte Michael Ramscar.
Charles Darwin und Charles Dickens müssten als Charles D. publizieren
Werden Namen von ostasiatischen Forschenden an westliche Namenssysteme angepasst, untergräbt das deren Kommunikationsfunktion. Im ostasiatischen Raum wird der erste Teil des Namens vererbt, der weniger Informationen vermittelt als der vergebene Nachname. Das Problem: Die Reihenfolge der Namen von Forschenden aus dem ostasiatischen Raum wird aufgrund des Augenmerks auf vererbte westliche Namen für die Publikationen umgekehrt. Bei asiatischen Forschenden wird der Teil, der mehr Informationen transportiert, initialisiert; der Teil, der weniger Informationen transportiert, wird ausgeschrieben, also voll wiedergegeben. „Für Forschende aus China ist es also heute so, als hätten Charles Darwin, Charles Dickens und Charles Dodgson alle ihre Werke erzwungenermaßen unter dem Namen Charles D. veröffentlichen müssen“, sagte Sihan Chen vom MIT. Die Studie zeigt: Wird die eigentliche Reihenfolge gemäß kulturellen Gegebenheiten jedoch beibehalten, vermitteln ostasiatische und westliche Namen dieselbe Menge an Informationen.
„Die Ergebnisse dieser Studie verdeutlichen eindrucksvoll die Bedeutung und die Komplexität von Namenssystemen weltweit. Zugleich zeigen uns die Forschenden eine Problematik auf, die von uns allen mehr Sensibilität für kulturelle Entwicklungen verlangt und uns veranlassen muss, Gepflogenheiten zu überdenken“, sagte Professorin Dr. Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen.