Laut internationalen Studien kann die tägliche Einnahme von Acetylsalicylsäure Menschen mit Lynch-Syndrom davor schützen, an Darmkrebs zu erkranken – selbst in niedriger Dosierung. Forschende des Universitätsklinikums Bonn (UKB), der Universität Bonn und des Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) Bonn fanden gemeinsam mit der Selbsthilfeorganisation SemiColon nun heraus, dass diese wissenschaftlichen Erkenntnisse bislang nur unzureichend in der Versorgung angekommen sind. Die Ergebnisse der LYNX-Studie sind jetzt als Letter in der Fachzeitschrift The Lancet Gastroenterology & Hepatology erschienen.
Menschen mit Lynch-Syndrom tragen aufgrund einer erblichen Veranlagung ein deutlich erhöhtes Risiko, an Darmkrebs und weiteren Krebsarten zu erkranken. Die CAPP2-Studie hatte bereits in dieser Hochrisiko-Gruppe gezeigt, dass Acetylsalicylsäure das langfristige Darmkrebsrisiko deutlich reduzieren kann. Untersucht wurde dabei eine vergleichsweise hohe tägliche Dosis von 600 Milligramm. Die kürzlich veröffentlichte internationale CaPP3-Studie deutet nun darauf hin, dass auch eine niedrigere Dosis von 100 Milligramm täglich ein ähnliches krebspräventives Profil aufweisen könnte, bei gleichzeitig weniger Nebenwirkungen und insbesondere weniger Blutungskomplikationen. „Da die statistischen Kriterien für eine formale Gleichwertigkeit der beiden Studien nicht in allen Analysen erfüllt wurden, ist die Interpretation noch mit einer gewissen Zurückhaltung vorzunehmen“, sagt Korrespondenzautor Dr. Robert Hüneburg, Oberarzt an der Medizinischen Klinik I des UKB, der auch an der Universität Bonn forscht. „Die Ergebnisse der CaPP3-Studie sprechen jedoch dafür, dass 100 mg täglich für viele Betroffene eine praktikable und besser verträgliche Option sein könnten.“
Bonner Befragung bereits vor Veröffentlichung von CaPP3
Die Befragung von 539 Menschen mit Lynch-Syndrom aus ganz Deutschland wurde vor Veröffentlichung der CaPP3-Ergebnisse konzipiert und zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 durchgeführt. Sie bildet daher die bisherige Nutzung von Acetylsalicylsäure auf Grundlage der zu dieser Zeit verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz ab. „Künftige Untersuchungen müssen zeigen, ob die neuen Erkenntnisse zur niedrigeren Dosierung dazu beitragen, dass Acetylsalicylsäure häufiger zur Krebsprävention eingesetzt wird“, sagt Hüneburg
Die Bonner Ergebnisse zeigen ein ausgeprägtes Präventionsbewusstsein: Rund 97 Prozent der Befragten kennen die speziellen Vorsorgeempfehlungen, und nahezu alle nehmen regelmäßige Darmspiegelungen wahr. Dennoch gaben nur 10,4 Prozent an, aktuell Acetylsalicylsäure einzunehmen. Lediglich 6,9 Prozent der gesamten Gruppe nutzten Acetylsalicylsäure ausdrücklich zur Krebsprävention beim Lynch-Syndrom. „Als wesentliche Gründe wurden eine bislang geringe Beschäftigung mit dem Thema, Sorgen vor Nebenwirkungen und Unsicherheit hinsichtlich der wissenschaftlichen Evidenz angegeben“, sagt Co-Erstautorin Dr. Anne-Sophie Layritz, Assistenzärztin an der Medizinischen Klinik I des UKB.
Gleichzeitig zeigte sich eine hohe Offenheit gegenüber neuen Präventionsansätzen. Rund drei Viertel der Befragten konnten sich grundsätzlich eine Teilnahme an einer Studie zu einer präventiven mRNA-Krebsimpfung vorstellen. Nach zusätzlichen Informationen stieg dieser Anteil auf rund 80 Prozent. Mehr als 92 Prozent gaben an, eine solche Impfung in Anspruch nehmen zu wollen, falls sie künftig zugelassen würde. Auch eine mögliche Placebozuteilung und das Risiko von Nebenwirkungen wurden von einer Mehrheit akzeptiert. „Diese Ergebnisse zeigen, wie groß das Interesse der Betroffenen an innovativen Präventionsmöglichkeiten und an einer aktiven Beteiligung an der Forschung ist“, sagt Co-Erstautorin Nicola Reents von SemiColon.
Umsetzungslücke in der Versorgung
Die Ergebnisse der LYNX-Studie zeigen damit keine grundsätzliche Zurückhaltung gegenüber Krebsprävention. Vielmehr besteht eine deutliche Umsetzungslücke zwischen wissenschaftlicher Evidenz, ärztlicher Beratung und tatsächlicher Anwendung. Laut den Autoren sind Menschen mit Lynch-Syndrom für Prävention und neue Forschungsansätze sehr aufgeschlossen. Entscheidend sind jedoch eine frühzeitige, verständliche und strukturierte Information sowie eine individuelle Abwägung von Nutzen und Risiken.
Die Unterstützung von Zentren des Deutschen Konsortiums Familiärer Darmkrebs und die Zusammenarbeit mit der Selbsthilfeorganisation SemiColon war für das Projekt von zentraler Bedeutung. Durch das Netzwerk konnten viele Betroffene erreicht und die Fragestellungen sowie Ergebnisse aus Patientenperspektive eingeordnet werden. Nicola Reents von SemiColon ist zudem geteilte Erstautorin der Publikation. „Das Projekt ist damit ein sehr gutes Beispiel für Forschung, die nicht nur über, sondern gemeinsam mit Betroffenen durchgeführt wird“, betont Hüneburg.
Publikation: Anne-Sophie Layritz, Nicola Reents, Katrin van Beekum, Prof Jacob Nattermann, Robert Hüneburg: The implementation gap in aspirin chemoprevention for Lynch syndrome; The Lancet Gastroenterology & Hepatology, DOI: 10.1016/S2468-1253(26)00216-5
Regions: North America, United States, Europe, Germany, United Kingdom
Keywords: Health, Medical