Ein im Archiv der Paläontologischen Sammlung der Universität Tübingen wiederentdecktes Exemplar einer getrockneten Riesenassel aus Puerto Rico erwies sich bei näherer Untersuchung als eine bisher unbekannte Art. Ihre Entdecker, der Paläontologie-Student und Asselexperte Benedikt Kästle und der Kustos der Paläontologischen Sammlung PD Dr. Ingmar Werneburg vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen, tauften das Krebstier aus der Gattung Bathynomus auf den Artnamen tuebingoborikensis – nach ihrer Universitätsstadt einerseits und nach dem indigenen Taíno-Namen für Puerto Rico, Boríken, andererseits. Ihre Studie und Beschreibung der neu entdeckten Art, die der Wissenschaft dabei hilft, die Evolution aller Tiefseeasseln insgesamt zu verstehen, wurde in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Riesenasseln der Gattung Bathynomus kommen in allen Ozeanen der Erde vor und können bis zu 50 Zentimeter lang und mehrere Kilogramm schwer werden. Die Krebstiere gehören damit zu den größten wirbellosen Organismen überhaupt. Sie besiedeln die Tiefsee bis zu 2.500 Metern und gelten dort als Allesfresser. In Form und Gestalt ähneln die meeresbewohnenden Riesenasseln den sehr viel kleineren Landasseln, die man aus feuchten Kellern und Höhlen kennt; der Körper ist von einem Außenskelett aus kalkhaltigen, schuppenförmigen Segmenten umgeben. Die Tübinger „Keller“-Assel, Exemplar einer noch heute lebenden Art, hatte einst der berühmte Fossilienforscher und Tübinger Professor Dolf Seilacher (1925–2014) in den 1980er Jahren in Puerto Rico auf einer Forschungsstation erworben und zu Lehrzwecken nach Tübingen gebracht.
Entwicklung immer größerer Tiere und Eroberung aller Ozeane
Benedikt Kästle und Ingmar Werneburg haben das getrocknete Tier mit modernsten bildtechnischen Verfahren untersucht, als Vertreter einer neuen Art identifiziert und anatomisch mit anderen bekannten Riesenasseln der Welt verglichen. Eine Stammbaumanalyse ergab, dass die gesamte Gattung Bathynomus wohl im Laufe des Miozäns, vor mehr als 15 Millionen Jahren, im Golf von Mexiko entstand. „Zu dieser Zeit war der Panama-Isthmus, die Meerenge zwischen Nord- und Südamerika, noch geöffnet, und die Tiere konnten sich nach Westen, zunächst bis nach Japan, ausbreiten“, berichtet Werneburg. Im Indopazifik habe dann eine Aufgliederung in zahlreiche neue Arten stattgefunden. „Es entstanden die sogenannten ‚Giganten‘, Riesenasseln, die bis zu 15 Zentimeter lang sind, und die ‚Supergiganten‘ mit mehr als 15 Zentimetern Körperlänge“, fügt Kästle hinzu.
Die Bathynomus-Riesenasseln breiteten sich nach Australien, Ostafrika und – vor der Kollision der Arabischen und Afrikanischen Kontinentalplatten – auch nach Europa aus. Dort starben sie jedoch am Ende des Miozäns aus. Mit der Abkühlung der Erde an der Miozän-Pliozän-Grenze vor 5,333 Millionen Jahren entwickelte sich eine besondere Gruppe von Riesenasseln im Indopazifik: „Diese wahrhaften Kolosse wurden mehr als 25,2 Zentimeter groß und waren physiologisch an die neuen klimatischen Verhältnisse bestens angepasst“, sagt Werneburg.
Sie hätten sich von Australien über die Antarktis nach Süd- und Mittelamerika ausgebreitet und seien dort auf ihre kleineren ferneren Verwandten getroffen, die nach der ursprünglichen Ausbreitung der Gattung nach Westen zurückgeblieben waren. „In die Kategorie der ‚Kolossogiganten‘ fällt unser Tübinger Exemplar aus Puerto Rico mit 32,2 Zentimetern Länge“, sagt Kästle. „Die neue Spezies ist sehr nah mit einer anderen Riesenart verwandt, die vor der Yucatán-Halbinsel Mexikos vorkommt.“ Der Fund belege, welch große Bedeutung naturwissenschaftliche Sammlungen als weltweite Archive der Natur haben, so Werneburg.
Regions: Europe, Germany, Oceania, Antarctica, Australia, Asia, Japan, Latin America, Mexico, Panama, Caribbean, Puerto Rico
Keywords: Science, Life Sciences, Earth Sciences, Palaeontology