Dürren und Überflutungen laufen besonders schlecht Studie der Universität Bonn analysiert internationale Berichterstattung über Naturkatastrophen
Spektakuläre Bilder, viele menschliche Opfer und starke persönliche Verbindungen: Diese drei Faktoren machen es wahrscheinlicher, dass die Medien in einem Land über eine Naturkatastrophe in einem anderen Land berichten. Das zeigt eine Studie der Universität Bonn, der University of Warwick und des Imperial College London, die nun in der Zeitschrift „Nature Human Behaviour“ erschienen ist. Die Daten zeigen auch, dass Dürren und Überflutungen - zwei der wichtigsten Effekte des Klimawandels - besonders schlecht laufen. Das könnte eine Erklärung sein, warum viele Menschen die Auswirkungen des Treibhauseffekts noch immer unterschätzen.
Die Forscher haben in ihrer Arbeit Daten des „Europe Media Monitor“ ausgewertet. Dabei handelt es sich um eine Datenbank der Europäischen Kommission. Sie erfasst täglich die veröffentlichten Artikel von 20.000 Nachrichtenquellen in 190 Ländern rund um den Globus. „Wir haben uns gefragt, welche Naturkatastrophen eine länderübergreifende Berichterstattung zur Folge haben“, erklärt Prof. Dr. Thiemo Fetzer vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Bonn sowie von der University of Warwick. „Dabei haben wir uns auf sämtliche offiziell erfassten Katastrophen seit 2016 konzentriert - insgesamt mehr als 2.600.“
Die Forscher stießen in ihrer Analyse auf drei Regeln, die offenbar weltweit gelten. Demnach berichten Medien besonders häufig über plötzlich auftretende Katastrophen, die mit dramatischen Bildern einhergehen - seien es Erdbeben, Vulkanausbrüche, Lawinen oder Waldbrände. Je mehr Opfer diese Ereignisse fordern, desto größer ist zudem die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch jenseits der nationalen Grenzen auf Resonanz stoßen.
Persönliche Verbindungen spielen eine Schlüsselrolle
„Ein dritter auffälliger Punkt ist die starke Rolle, die soziale Verbindungen zu dem betroffenen Land spielen“, betont Fetzer. „Dabei ist erstaunlicherweise nicht die räumliche Nähe oder eine ähnliche Sprache entscheidend. Stattdessen haben wir Belege dafür gefunden, dass es vor allem auf ausgeprägte persönliche Bande ankommt.“
Einen Hinweis auf diesen Zusammenhang liefert der sogenannte „social connectedness index“. In ihn fließt die Zahl der Facebook-Freundschaften ein, die zwischen zwei Ländern (relativ zur Gesamtbevölkerung) bestehen. Darüber hinaus hat auch die Ähnlichkeit der jeweiligen Bevölkerungen auf DNA-Ebene einen Einfluss: Je stärker im Schnitt das Erbgut der Menschen in zwei verschiedenen Ländern übereinstimmt, desto häufiger berichten Medien in dem einen Land über Naturkatastrophen in dem anderen Land.
„Wir glauben, dass genetische Ähnlichkeit nicht die eigentliche Ursache für diesen Befund ist, sondern einen Anhaltspunkt für enge persönliche Verbindungen darstellt, die etwa aus historischen Gründen entstanden sind“, sagt Fetzer. So sind zum Beispiel während der großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts rund 1,5 Millionen aus Irland nach Amerika ausgewandert. Dadurch gibt es zwischen US-Amerikanerinnen und -Amerikanern sowie Irinnen und Iren heute größere genetische Übereinstimmungen, als es sonst der Fall wäre.
Persönliche Verbindungen sorgen für mehr Empathie
„Persönliche Verbindungen sorgen für ein größeres Interesse und auch für mehr Empathie“, meint der Wirtschaftswissenschaftler. Die Größe dieses Effekts lässt sich verdeutlichen, wenn man auf Basis der in der Studie gefundenen Zusammenhänge die zu erwartende Medienresonanz auf eine hypothetische Naturkatastrophe berechnet: Mal angenommen, in Mexiko würde ein Sturm 62 Todesopfer fordern. Dann würde den Studiendaten zu Folge die Reaktion der Medien in Deutschland ähnlich stark ausfallen wie bei einem Sturm mit 100 Opfern in Bangladesh - und das, obwohl Bangladesh weniger weit von uns entfernt ist.
Aus Fetzers Sicht zeigt dieses Phänomen auch, wie wichtig persönliche Bande für den Kampf gegen Bedrohungen wie den Klimawandel sind. Denn bei derartigen globalen Herausforderungen kommt es ja gerade darauf an, dass die Weltgemeinschaft bei der Bekämpfung an einem Strang zieht.
Allerdings scheinen es gerade viele Auswirkungen des Treibhauseffekts schwer zu haben, es in die internationalen Schlagzeilen zu schaffen. So berichten über Trockenheits-Perioden meist nur die Medien in den betroffenen Ländern selbst. Bei Überflutungen sieht es ähnlich aus - auch sie erregen weniger grenzüberschreitendes Interesse als etwa Lawinen oder Erdbeben. „Dadurch wird es leichter, die Konsequenzen der Erderwärmung zu ignorieren - zumindest solange, wie sie sich nicht vor unserer eigenen Haustür abspielen“, sagt Fetzer.
Beteiligte Institutionen und Förderung
An der Studie waren die Universität Bonn, die University of Warwick und das Imperial College London beteiligt. Die Arbeit wurde durch den Leverhulme Preis in Ökonomie, einen Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Publikation: Thiemo Fetzer & Prashant Garg: Uneven Patterns of Cross-Border Media Coverage Following Natural Disasters; Nature Human Behaviour; DOI: 10.1038/s41562-026-02512-6. https://www.nature.com/articles/s41562-026-02512-6