Mit dem LOEWE-Zentrum „Dynamiken des Religiösen“ (DynaRel) nimmt ein neuer Forschungsverbund der Goethe-Universität Frankfurt, der Philipps-Universität Marburg und der Justus-Liebig-Universität Gießen die Arbeit auf. Das vom Land Hessen im Rahmen des Forschungsförderungsprogramms LOEWE zunächst für 2026 bis 2029 mit rund 19 Millionen Euro geförderte Zentrum untersucht die Beziehungen zwischen Judentum, Christentum und Islam in historischen und gegenwärtigen Konstellationen. DynaRel ist das erste rein geistes-, sozial- und erziehungswissenschaftliche Projekt in der Förderlinie LOEWE-Zentren. Bei der offiziellen Eröffnung
am Montag, 22. Juni, um 18 Uhr
Hörsaal 5, Hörsaalzentrum auf dem Campus Westend
stellt sich das Zentrum erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vor.
Den Festvortrag hält der Historiker Prof. David Nirenberg (Institute for Advanced Study, Princeton) zum Thema „What Does History Have to Do with Prophecy? Past and Future in Islam, Christianity, and Judaism“. Anschließend diskutieren Dr. Raida Chbib (Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft, Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Nathan Gibson (Religionswissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Yossef Schwartz (Tel Aviv University) und Prof. Sita Steckel (Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt) über Perspektiven der Erforschung religiöser Dynamiken in Geschichte und Gegenwart. Die Moderation übernimmt Dr. Christian Ströbele (Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart).
„Das LOEWE-Zentrum ‚Dynamiken des Religiösen‘ bietet die Chance, auf lange Sicht in Hessen ein großes Zentrum für innovative Religionsforschung mit internationaler Ausstrahlung zu etablieren, das die engen religiös-kulturellen Verflechtungen zwischen Judentum, Christentum und Islam von der Spätantike bis in die Gegenwart, aber auch ihre konflikthaften Konstellationen interdisziplinär und aus interreligiöser Perspektive untersucht“, sagt Prof. Christian Wiese, Religionswissenschaftler und Judaist an der Goethe-Universität und akademischer Koordinator des Zentrums. „Anfang Mai hatten wir die Freude, die mehr als 30 Promovierenden und Postdocs aus zahlreichen Ländern begrüßen zu dürfen. Nun gehen wir mit Begeisterung an die Arbeit.“
DynaRel ist das einzige LOEWE-Zentrum, das in der aktuellen Förderstaffel neu bewilligt wurde. Neben dem Frankfurt Cancer Institute ist es das zweite LOEWE-Zentrum mit Sprecherstandort an der Goethe-Universität. Mit mehr als 30 Teilprojekten aus Religionswissenschaft, Religionsphilosophie, Judaistik, Islamischen Studien, christlichen Theologien, aus Archäologie und Ethnologie, Geschichtswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft sowie den Erziehungswissenschaften und mit vier neu zu berufenden Professuren bietet das Zentrum beste Voraussetzungen dafür, die religiösen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Dynamiken zwischen Judentum, Christentum und Islam in ihrer Komplexität differenziert zu interpretieren. Von großer Bedeutung ist dabei das Konzept der „ambivalenten Nachbarschaften“: Nur vor dem Hintergrund der engen historischen, kulturellen und räumlichen Verflechtungen der Religionen lassen sich aktuelle Fragen im Spannungsfeld von Religion und Politik angemessen verstehen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Zentrums befassen sich deshalb nicht nur mit Konflikten zwischen religiösen Gemeinschaften, sondern auch mit deren dialogischen Ressourcen für den konstruktiven Umgang mit Vielfalt und Differenz in pluralen postmigrantischen Gesellschaften.
„Der interdisziplinäre Austausch ist hierbei von besonderer Bedeutung: Bei Debatten über aktuelle Herausforderungen werden die Vergangenheit und der breitere Kontext oft vernachlässigt, obwohl gerade sie entscheidend dazu beitragen, gegenwärtige Konflikte zu verstehen und tragfähige Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln“, betont die stellvertretende Sprecherin des Zentrums, die Marburger Soziologin Antje Röder.
Einen besonderen Akzent legt DynaRel auf das multireligiöse Zusammenleben in Hessen und im Rhein-Main-Gebiet. Unter Federführung der Goethe-Universität arbeiten Forschende aus Frankfurt, Marburg und Gießen mit internationalen Forschungseinrichtungen und außeruniversitären Institutionen zusammen. Die Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz ist mit zwei Teilprojekten im Boot. Über den akademischen Kontext hinaus sind Gespräche mit Praxispartnern in der Zivilgesellschaft vorgesehen.
„Die Forschungsfelder des Zentrums – Verflechtungen, politische und ideologische Instrumentalisierungen, Transformationen religiöser Nachbarschaften durch Flucht und Migration sowie Reflexion und Transfer in pädagogische Kontexte – sind wissenschaftlich hochrelevant und greifen zugleich zentrale gesellschaftliche Themen und Herausforderungen pluraler Gesellschaften auf. Dem Austausch mit der Gesellschaft kommt daher eine besondere Bedeutung zu: Wissenschaftliche Erkenntnisse können öffentliche Debatten anregen und bereichern, Erfahrungen und Perspektiven aus der Gesellschaft wiederum können in die Forschung zurückwirken und neue Reflexionsräume eröffnen“, sagt Armina Omerika, Islamwissenschaftlerin an der Goethe-Universität Frankfurt und stellvertretende Sprecherin des Zentrums.
Regions: Europe, Germany, Middle East, Israel
Keywords: Humanities, History, Philosophy & ethics, Religion