Die Schrift auf den Genen und das Stromnetz des Tumors
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Die Schrift auf den Genen und das Stromnetz des Tumors


FRANKFURT. Eine alte Grundregel der Genetik lautete: Jede unserer Körperzellen enthält zwei aktive Kopien desselben Gens. Davor Solter und Azim Surani setzten diese Grundregel 1984 außer Kraft. Sie wiesen nach, dass manche Gene nur in einer aktiven Kopie vererbt werden – entweder die mütterliche oder die väterliche Kopie ist dauerhaft stillgelegt. Dieser Nachweis gelang ihnen, indem sie zeitgleich und unabhängig voneinander eine Technik der Transplantation von Zellkernen anwandten, die Solter entwickelt hatte. Damit zeigten beide, dass Mäuseembryonen mit ausschließlich mütterlichem oder väterlichem Erbgut nicht überlebensfähig waren. Das aber hätte gemäß der geltenden Grundregel der Fall sein müssen. Säugetiere, zu denen wir Menschen gehören, sind also auf die vollständige Erbinformation beider Eltern angewiesen. Das unterscheidet sie von Tierarten, die ihren Nachwuchs auch durch Jungfernzeugung aus unbefruchteten Eizellen heranreifen lassen können. Der Grund: Von den beiden Kopien jedes Gens, die von Mutter und Vater beigesteuert werden, sind manche einseitig durch eine epigenetische Aufschrift in Form kleiner Moleküle auf ihrer Oberfläche abgeschaltet. Surani nannte dieses Phänomen genomische Prägung. „Diese Entdeckung war ein Wendepunkt der modernen Genetik“, erklärt der Vorsitzende des Stiftungsrates, Prof. Thomas Boehm. „Sie zeigte, dass unser Phänotyp nicht allein von unserem Genotyp bestimmt wird, sondern auch von epigenetischen Zeichen geprägt ist.“

Die genomische Prägung ist für eine gesunde Embryonalentwicklung erforderlich, weil sie das Ringen um begrenzte Ressourcen zwischen der Mutter und dem in ihr heranwachsenden Kind ausbalanciert. Die medizinische Bedeutung der genomischen Prägung geht weit über die Embryologie hinaus. Wir wissen heute, dass rund ein Prozent unserer Gene genomisch geprägt ist. Diese Gene sind in Signalkaskaden eingebunden, die auch im erwachsenen Organismus über Gesundheit oder Krankheit entscheiden. Die Entdeckung der genomischen Prägung eröffnete das Forschungsfeld der modernen Epigenetik, auf dem molekulare Vorgänge erkundet werden, die die Expression von Genen unabhängig von Veränderungen in deren Sequenz beeinflussen. Epigenetische Veränderungen spielen zum Beispiel bei Krebs eine Rolle – eine Erkenntnis, die bereits zur Entwicklung entsprechender Medikamente geführt hat.

Gehirntumore entstehen nicht aus Nervenzellen. Denn diese können sich – mit wenigen Ausnahmen – nicht mehr teilen. Die meisten Gehirntumore sind Gliome: Sie entspringen aus Gliazellen, die die Nervenzellen normalerweise stützen und ernähren. Varun Venkataramani hat entdeckt, dass Gliome Synapsen mit Nervenzellen des Gehirns bilden. Dadurch greifen sie elektrische Impulse ab, die ihre Teilung fördern und ihre Ausbreitung beschleunigen. Zusammen mit seinen Mentoren validierte und vertiefte er diese gänzlich unerwartete Beobachtung im Lauf der vergangenen zehn Jahre. So wurde er zum Mitbegründer des Forschungsgebietes „Cancer Neuroscience“ – und zum Türöffner einer neuen Therapieoption: Gehirntumore vom Stromnetz zu nehmen, um ihr Wachstum zu stoppen. Diese Option wird bereits in einer klinischen Prüfung der Phase II an Patienten erprobt.

Paul Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Preis 2026
https://tinygu.de/csQDp

Davor Solter, Jahrgang 1941, ist emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg. Er hatte Gastprofessuren in Singapur und Bangkok inne und lebt heute im Bundesstaat der Maine der USA.

Azim Surani, Jahrgang 1945, ist Professor an der Universität von Cambridge in England und fungiert dort am Gurdon-Institut als Direktor für Keimbahn- und Epigenetikforschung.
https://www.gurdon.cam.ac.uk/people/azim-surani/

Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2026
https://tinygu.de/EIvyl

Varun Venkataramani, Jahrgang 1989, ist Neurologe am Universitätsklinikum Heidelberg und leitet eine Forschungsgruppe an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg.
https://venkataramani-lab.com/

Der Paul Ehrlich-und-Ludwig Darmstaedter-Preis
Der Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis ist der renommierteste Medizinpreis Deutschlands. Er ist mit 120.000 Euro dotiert und wird traditionell an Paul Ehrlichs Geburtstag, dem 14. März, in der Frankfurter Paulskirche verliehen. Mit ihm werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geehrt, die sich auf dem von Paul Ehrlich vertretenen Forschungsgebiet besondere Verdienste erworben haben, insbesondere in der Immunologie, der Krebsforschung, der Hämatologie, der Mikrobiologie und der Chemotherapie. Finanziert wird der seit 1952 verliehene Preis vom Bundesgesundheitsministerium, dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. und durch zweckgebundene Spenden folgender Unternehmen, Stiftungen und Einrichtungen: Else Kröner-Fresenius-Stiftung, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, C.H. Boehringer Sohn AG & Co. KG, Biotest AG, Hans und Wolfgang Schleussner-Stiftung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Fresenius SE & Co. KGaA, F. Hoffmann-LaRoche Ltd., Grünenthal Group, Janssen-Cilag GmbH, Merck KGaA, Bayer AG, Georg von Holtzbrinck GmbH & Co.KG, GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG, B. Metzler seel. Sohn & Co AG. Die Preisträger werden vom Stiftungsrat der Paul Ehrlich-Stiftung ausgewählt. Eine Liste der Stiftungsratsmitglieder ist auf der Internetseite der Paul Ehrlich-Stiftung hinterlegt.

Der 2006 erstmals vergebene Paul Ehrlich-und-Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis wird von der Paul Ehrlich-Stiftung einmal jährlich an einen in Deutschland tätigen Nachwuchswissenschaftler oder eine in Deutschland tätige Nachwuchswissenschaftlerin verliehen, und zwar für herausragende Leistungen in der biomedizinischen Forschung. Das Preisgeld von 60.000 € muss forschungsbezogen verwendet werden. Vorschlagsberechtigt sind Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen sowie leitende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an deutschen Forschungseinrichtungen. Die Auswahl der Preisträger erfolgt durch den Stiftungsrat auf Vorschlag einer achtköpfigen Auswahlkommission.

Die Paul Ehrlich-Stiftung
Die Paul Ehrlich-Stiftung ist eine rechtlich unselbstständige Stiftung, die treuhänderisch von der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität verwaltet wird. Ehrenpräsidentin der 1929 von Hedwig Ehrlich eingerichteten Stiftung ist Professorin Dr. Katja Becker, Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die auch die gewählten Mitglieder des Stiftungsrates und des Kuratoriums beruft. Vorsitzender des Stiftungsrates der Paul Ehrlich-Stiftung ist Professor Dr. Thomas Boehm, Direktor Emeritus am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg, Vorsitzender des Kuratoriums ist Professor Dr. Jochen Maas. Prof. Dr. Wilhelm Bender ist in seiner Funktion als Vorsitzender der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität zugleich Mitglied des Stiftungsrates der Paul Ehrlich-Stiftung. Der Präsident der Goethe-Universität ist in dieser Funktion zugleich Mitglied des Kuratoriums.

Die Goethe-Universität ist eine weltoffene Werkstatt der Zukunft mitten in Europa. Sie entstand 1914 als Gründung Frankfurter Bürger und knüpft seit 2008 als Stiftungsuniversität wieder an diese Tradition an: als autonome Bürger*innen-Universität eingebettet in die Stadtgesellschaft und mit einem hohen Maß an gesellschaftlicher Teilhabe und Förderung. Die Goethe-Universität gehört mit mehr als 40.000 Studierenden zu den größten und forschungsstärksten Universitäten Deutschlands und zu den größten Arbeitgebern in Frankfurt.
Die Goethe-Universität ist eine international aufgestellte Volluniversität, die sich durch exzellente Forschungsschwerpunkte in sechs interdisziplinären, fachbereichsübergreifenden Profilbereichen ebenso auszeichnet wie durch die Vielfalt ihrer Fächer in Geistes-, Sozial-, Gesellschafts-, Natur- und Lebenswissenschaften und Medizin. Mit der TU Darmstadt und der Universität Mainz bildet sie das Bündnis Rhein-Main-Universitäten (RMU, https://www.rhein-main-universitaeten.de/). Sie gehört den „German U15“ an, dem Zusammenschluss der 15 forschungsstärksten medizinführenden Universitäten Deutschlands, und bildet zusammen mit 15 außeruniversitären Forschungseinrichtungen im Rhein-Main-Gebiet das Wissenschaftsnetzwerk „Frankfurt Alliance“. www.goethe-universitaet.de
Attached files
  • Davor Solter, Azim Surani und Varun Venkatarmani. Einzelfotos: privat, Jacqueline Garget, University of Cambridge, Uwe Dettmar. Montage: Paul Ehrlich-Stiftung
Regions: Europe, Germany, United Kingdom, Asia, Singapore, North America, United States
Keywords: Health, Medical, People in health research, Science, Life Sciences, People in science

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