„Die Studie zeigt eine hohe öffentliche Akzeptanz für den Einsatz klassischer assistierter Reproduktionstechnologien im Artenschutz. Trotz einer allgemeinen Präferenz für traditionelle Schutzmaßnahmen wie Schutzgebiete oder zoologische Gärten befürworteten die Befragten ART als ergänzende Strategie zur Bewältigung der Biodiversitätskrise“, erklärt Pierfrancesco Biasetti, Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) sowie am 'Ethics Laboratory for Veterinary Medicine, Conservation and Animal Welfare' der Universität Padua.
Tschechische Befragte zeigten die höchste Zustimmung zu innovativen Ansätzen, während deutsche und italienische Teilnehmende zurückhaltender waren und die Notwendigkeit ethischer Begutachtung betonten. Insgesamt wurde eine starke Umweltbesorgnis sowie ein solides Bewusstsein für die ökologische Krise festgestellt.
Die Studie unterstreicht zudem die Bedeutung einer verstärkten Aufklärung über die Krise von Nashörnern. Zwar erkannten die Befragten Wilderei richtigerweise als Hauptbedrohung, unterschätzten jedoch die Rolle politischer und sozialer Instabilität als Treiber des Aussterberisikos. Die Wissenschaftler:innen empfehlen daher eine verbesserte Kommunikation über die umfassenderen gesellschaftlichen und politischen Hintergründe von Wilderei und Lebensraumverlust.
„Die Medienberichterstattung spielt eine zentrale Rolle bei der öffentlichen Wahrnehmung von Naturschutzthemen. In Tschechien war das Bewusstsein für die Nashornkrise höher, was mit einer intensiveren medialen Berichterstattung zusammenhing. Die Studie zeigt das Potenzial kontinuierlicher Kommunikationsarbeit von Zoos und Naturschutzinstitutionen zur Stärkung von Verständnis und Unterstützung in der Bevölkerung. Unsere Kolleginnen und Kollegen im Safari Park Dvůr Králové engagieren sich sehr aktiv im Nashornschutz – und das spiegelt sich in einem höheren öffentlichen Bewusstsein im Land wider“, sagt Steven Seet, Leiter der strategischen Kommunikation und Wissenschaftler am Leibniz-IZW sowie Doktorand an der Universität Padua.
Die Untersuchung hebt ferner hervor, wie wichtig ethische Reflexion bei Entwicklung und Anwendung von ART im Artenschutz ist. Befragte in allen drei Ländern waren sich einig, dass einzelne Tiere zwar zum Arterhalt beitragen können, ihr Wohlergehen jedoch nicht beeinträchtigt werden darf. Besonders deutsche Teilnehmende betonten die Notwendigkeit strukturierter ethischer Analysen, um öffentliche Bedenken aufzugreifen und eine verantwortungsvolle Umsetzung sicherzustellen.
Die Forschenden formulieren mehrere Maßnahmen zur Stärkung des öffentlichen Verständnisses und der Akzeptanz von ART im Artenschutz. Erstens, stärkere Fokussierung auf lokale und europäische Arten. Bedrohte heimische Arten erhalten oft weniger Aufmerksamkeit als charismatische, nicht-heimische Tiere. Eine gezielte Aufklärung über regionale Biodiversitätsbedrohungen kann Verantwortungsbewusstsein und Engagement fördern. Zweitens, Darstellung innovativer Technologien als Ergänzung. Assistierte Reproduktionstechnologien sollten als Ergänzung – nicht als Ersatz – traditioneller Schutzmaßnahmen kommuniziert werden. Die Darstellung synergetischer Effekte zwischen Habitatsschutz, Artenmanagement und Biotechnologie kann Skepsis reduzieren. Drittens, Einbettung in das One-Health-Konzept. Die Verbindung von Ökosystemintegrität, Tierwohl und menschlicher Gesundheit macht die Relevanz von ART verständlicher. Zuletzt, Investition in ethische Forschung und transparente Prozesse. Technologische Entwicklungen sollten von ethischer Begleitforschung und transparenter Regulierung flankiert werden, um Vertrauen aufzubauen und gesellschaftliche Erwartungen an Verantwortung und Rechenschaft zu erfüllen.
„Diese wegweisende Studie liefert wertvolle Einblicke in die öffentliche Wahrnehmung von ART im Artenschutz und unterstreicht die Bedeutung von Kommunikation und ethischer Reflexion für die Akzeptanz innovativer Ansätze. Angesichts der globalen Biodiversitätskrise wird die Integration traditioneller und fortschrittlicher Schutzstrategien – getragen von gesellschaftlicher Beteiligung und ethischer Aufsicht – entscheidend sein, um bedrohte Arten zu schützen und die biologische Vielfalt für kommende Generationen zu bewahren“, erklärt Barbara de Mori, Leiterin des 'Ethics Laboratory for Veterinary Medicine, Conservation and Animal Welfare' der Universität Padua.
Publikation
Biasetti P, Hildebrandt T, Seet S, Stejskal J, Giardullo P, Göritz F, Holtze S, Galli C, Šťastný M, de Mori B (2026): Perceptions of assisted reproductive technologies in wildlife conservation: Public expectations and ethical implications across three EU countries. PLOS ONE. PONE-D-25-30141R2.
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0342094
Fotos
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Hintergrundinformationen
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)
Das Leibniz-IZW ist ein international renommiertes deutsches Forschungsinstitut des Forschungsverbunds Berlin e.V. und Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Unsere Aufgabe ist es, evolutionäre Anpassungen wildlebender Tiere an globale Veränderungen zu untersuchen und neue Konzepte und Maßnahmen für den Erhalt der Biodiversität zu entwickeln. Dazu nutzen unsere Wissenschaftler ihr breites interdisziplinäres Fachwissen aus Biologie und Veterinärmedizin, um in engem Dialog mit der Öffentlichkeit und den Interessengruppen Grundlagenforschung und angewandte Forschung zu betreiben – von der molekularen bis zur Landschaftsebene. Darüber hinaus engagieren wir uns für einzigartige und hochwertige Dienstleistungen für die wissenschaftliche Gemeinschaft.
www.izw-berlin.de
www.BioRescue.org
Safari Park Dvůr Králové
Der Safari Park Dvůr Králové ist ein Safaripark in der Tschechischen Republik mit der größten Sammlung afrikanischer Tiere in Europa und hervorragenden Zuchtergebnissen. Mehr als 5.500 afrikanische Antilopen, etwa 800 Zebras, fast 300 Giraffen und über 300 afrikanische Wildhunde wurden im Park geboren. Er ist auch einer der besten Nashornzüchter außerhalb Afrikas und der einzige Ort, an dem das Nördliche Breitmaulnashorn in menschlicher Obhut gezüchtet wurde – die beiden letzten Weibchen, Najin und Fatu, wurden hier geboren. Der Safari Park Dvůr Králové koordiniert wissenschaftliche Bemühungen zur Rettung der Nördlichen Breitmaulnashörner und hat wiederholt schwarze Nashörner und andere afrikanische Huftiere wie Pferdeantilopen, Rappenantilopen oder Addax in die Wildnis Afrikas zurückgebracht.
https://safaripark.cz/en/
Avantea
Avantea ist ein weltweit führendes Labor für fortschrittliche Technologien in der Biotechnologieforschung und Tierfortpflanzung mit Sitz in Cremona, Italien. Es ist das einzige Labor, dem es gelungen ist, lebensfähige Nashornembryonen zu erzeugen. Avantea verfügt über mehr als zwanzig Jahre Erfahrung und Know-how in der assistierten Reproduktion von Nutztieren, das durch jahrelange Forschung in den Bereichen Biomedizin und Tierfortpflanzung erworben wurde.
www.avantea.it/en/
Universität Padua
Die Universität Padua in Italien ist eine der ältesten Universitäten der Welt und feiert ihr 800-jähriges Bestehen. Ihre Fakultät für Vergleichende Biomedizin und Lebensmittelwissenschaften betreibt führende Forschung und Lehre im Bereich des Schutzes und des Wohlergehens wildlebender Tiere mit besonderem Schwerpunkt auf der ethischen Bewertung und Evaluierung von Forschungsprojekten und Bildungsprogrammen, die vom Ethiklabor für Veterinärmedizin, Naturschutz und Tierschutz entwickelt werden.
https://www.unipd.it/en/
https://www.bca.unipd.it/en/
Kontakt
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)
Dr. Pierfrancesco Biasetti
Leiter des
BioRescue-Projekts und Leiter der Abteilung Reproduktionsmanagement
Telefon: +39/349 282 5959
E-Mail:
biasetti@izw-berlin.de
Steven Seet
Strategische Kommunikation
Wissenschaftler in der Abteilung Reproduktionsmanagement
Telefon: +49/15224573519
E-Mail: seet@izw-berlin.de
Safaripark Dvůr Králové
Jan Stejskal
Koordinator des BioRescue-Projekts und Leiter für internationale Projekte
Telefon: +420608009072
E-Mail:
jan.stejskal@zoodk.cz
Avantea
Prof. Cesare Galli
Direktor
Telefon: +390 / 0372437242
E-Mail:
cesaregalli@avantea.it
Universität Padua
Prof. Barbara de Mori
Direktorin des Ethiklabors für Veterinärmedizin, Naturschutz und Tierschutz, Abteilung für Vergleichende Biomedizin und Lebensmittelwissenschaft
Telefon: +39-3403747666
E-Mail:
barbara.demori@unipd.it