Kein wissenschaftlicher Konsens hinsichtlich Sicherheit gentechnisch veränderter Organismen

Wissenschaftler veröffentlichen Stellungnahme zu der Vergabe des Welternährungspreises an Monsanto und Syngenta

Laut einer heute veröffentlichten Stellungnahme einer internationalen Gruppe von 92 Wissenschaftlern, Akademikern und Ärzten gibt es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens hinsichtlich der Sicherheit gentechnisch veränderter Lebensmittel und Pflanzen.[1]

Die Stellungnahme erfolgt in Erwiderung auf jüngste Behauptungen der Gentechnik-Branche und einiger Wissenschaftler, Journalisten und Kommentatoren, es gäbe einen „wissenschaftlichen Konsens“, der besagt, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel und Pflanzen allgemein als für die Gesundheit von Mensch und Tier unbedenklich befunden wurden. Die Erklärung nennt diese Behauptungen als „irreführend“ und fügt hinzu: „Der dargestellte Konsens über die Sicherheit genetisch veränderte Organismen existiert nicht.“

"Solche Behauptungen könnten die menschliche Gesundheit und die Umwelt einem ungerechtfertigt hohen Risiko aussetzen und eine Atmosphäre der Sorglosigkeit schaffen“, erklärt Dr. Angelika Hilbeck, Vorsitzende des European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility (ENSSER) und Unterzeichnerin. „Die Stellungnahme lenkt die Aufmerksamkeit auf die Vielfalt an Meinungen zu gentechnisch veränderten Organismen innerhalb der Wissenschaft und der häufig widersprüchlichen oder uneindeutigen Ergebnissen von Studien zur Sicherheit von GVO. Letztere beinhalten toxische Effekte bei Versuchstieren, die mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln gefüttert wurden, einen erhöhten Verbrauch an Pestiziden durch den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen und die unerwarteten Effekte Bt-insektizider Pflanzen auf Nützlinge sowie Nicht-Zielorganismen“, führt Dr. Hilbeck weiter aus.

Trotz dieses nuancierten und komplexen Bildes stellt eine Gruppe von Personen pauschale Behauptungen auf, dass gentechnisch veränderte Pflanzen und Lebensmittel sicher seien. In Wirklichkeit bleiben viele unbeantwortete Fragen und in einigen Fällen gibt es Anlass zur deutlichen Sorge.

Prof. C. Vyvyan Howard, medizinisch ausgebildeter Toxikopathologe der Universität von Ulster und Unterzeichner, sagt: „Eine signifikante Anzahl von Studien legt den Verdacht nahe, dass gentechnisch veränderte Pflanzen und Lebensmittel toxisch oder allergen wirken können. Häufig wird behauptet, dass Millionen Amerikaner gentechnisch veränderte Lebensmittel ohne schädliche Wirkungen verzehren. Da jedoch weder eine Kennzeichnungspflicht von gentechnisch veränderten Lebensmitteln in den USA besteht noch Studien zu deren Auswirkungen durchgeführt wurden, ist es unmöglich zu wissen, ob die steigenden Zahlen chronischer Erkrankungen, die in den USA zu beobachten sind, etwas mit dem Konsum gentechnisch veränderter Lebensmittel zu tun haben oder nicht. Die Behauptung über deren Sicherheit hat daher keinerlei wissenschaftliches Fundament.”

Die Unterzeichner der Erklärung rufen zur Einhaltung des Vorsorgeprinzips beim Umgang mit gentechnisch veränderten Pflanzen und Lebensmitteln auf, so wie es im Cartagena-Protokoll zur biologischen Sicherheit und im Codex Alimentarius der UN vereinbart wurde.

Einer der Unterzeichner, Prof. Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Ko-Vorsitzender des International Resource Panel (UNEP) und Ko-Präsident des Club of Rome, kommentiert die Stellungnahme wie folgt: „Die Zukunft von Lebensmitteln und Landwirtschaft ist eine der größten Herausforderungen der Menschheit im 21. Jahrhundert. Die Behauptung, es gebe einen wissenschaftlichen Konsens zur Sicherheit von GVO ist irreführend und bildet die vielfältigen und uneindeutigen wissenschaftlichen Befunde nicht ab. Wenn Entscheidungen von globaler Relevanz gefällt werden, muss die ganze Bandbreite der Forschung berücksichtigt werden, und zwar in offenen, transparenten und ehrlichen Debatten, welche die breite Gesellschaft miteinschließen. Das ist die Verantwortung der Forscher und der Wissenschaft.“

Ein weiterer Unterzeichner der Erklärung, Professor Brian Wynne, ehemals stellvertretender Direktor und leitender Forscher des britischen ESRC Centre for the Economic and Social Aspects of Genomics, Cesagen, Lancaster University, sagte: „Es ist irreführend und unverantwortlich, dass jemand behauptet, es gebe einen Konsens zu diesen wichtigen Themen. Viele der gewichtigen Fragen bleiben offen, während unabhängige Wissenschaftler ständig weitere entdecken und in der internationalen Forschungsliteratur darüber Bericht erstatten. Tatsache ist, dass die Beantwortung einiger essentielle Sicherheitsfragen von öffentlichem Interesse, die von dieser Forschung aufgeworfen wurden, seit Jahren zugunsten der kommerziell-wissenschaftlichen Förderung der Technologie vernachlässigt werden.“

Die Stellungnahme wird von ENSSER in der Woche nach der Vergabe des Welternährungspreises an Angestellte der größten Hersteller gentechnisch veränderten Saatguts, Monsanto und Syngenta, veröffentlicht. Diese Verleihung hat weltweit Empörung ausgelöst und steht im Widerspruch zu jüngsten Entscheidungen in vielen Ländern, die die Feldfreisetzung oder Kommerzialisierung einiger gentechnisch veränderter Pflanzen limitieren oder verbieten. Diese umfassen 9 europäische Staaten und Mexiko, aber auch Entwicklungsländer wie Bangladesch, die Philippinen und Indien; in letzteren wurde von technischen Experten (TEC) des Obersten Gerichtshofs ein Moratorium für Feldfreisetzungsversuche empfohlen, dass erst aufgehoben werden sollte wenn bestimmte Konditionen erfüllt seien, die auch ordnungsgemäße Sicherheitstests umfassen sollen [2,3,4,5]. Des Weiteren werden GVO-Zulassungen wegen Fragen zu den wissenschaftlichen Grundlagen der Zulassung in Argentinien und Brasilien gerichtlich angefochten [6]. In den meisten dieser Fälle wird das Fehlen von Beweisen über die Sicherheit von GVO und unzureichende Sicherheitstests hervorgehoben.

Unter den Unterzeichnern der Erklärung befinden sich prominente und angesehene Forscher, darunter Dr. Hans Herren, früherer Träger des Welternährungspreises und diesjähriger Alternativer Nobelpreisträger, sowie Dr. Pushpa Bhargava, bekannt als der Vater der modernen Biotechnologie in Indien.

Nachweise

1. http://www.ensser.org/media/

2. zum Gerichtsurteil in Mexico: http://www.foodfirst.org/en/GMO+corn+banned+in+Mexico

3. zum Gerichtsurteil in den Philippinen: http://www.gmanetwork.com/news/story/328272/scitech/science/ca-upholds-ruling-stopping-genetically-modified-eggplant-field-trials

4. zur Empfehlung in Indien: http://www.thehindu.com/sci-tech/agriculture/global-scientists-back-10year-moratorium-on-field-trials-of-bt-food-crops/article4658619.ece

5. zu Bangladesch: http://www.gmwatch.org/index.php/news/archive/2013/15090-high-court-bars-gm-eggplant-s-release-in-bangladesh

6. zu Argentinien und Brasilien: http://www.gmwatch.org/index.php/news/archive/2013/15099

Attached files
  • ENSSER Statement_no scientific consensus on GMO sa
  • ENSSER Statement_no scientific consensus on GMO sa
  • ENSSER Statement_no scientific consensus on GMO sa
  • ENSSER Statement_no scientific consensus on GMO sa

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