Europhysics-Preis 2026 würdigt Entdeckung des Altermagnetismus als dritte fundamentale Klasse des Magnetismus
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Europhysics-Preis 2026 würdigt Entdeckung des Altermagnetismus als dritte fundamentale Klasse des Magnetismus


Eine der renommiertesten europäischen Auszeichnungen auf dem Gebiet der Festkörperphysik geht an eine Entdeckung, die das Verständnis des Magnetismus grundlegend verändert: Der Europhysics-Preis 2026 der Condensed Matter Division der European Physical Society (EPS) wird an Prof. Dr. Jairo Sinova von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), Dr. Libor Šmejkal und Prof. Dr. Tomas Jungwirth für ihre Entdeckung des Altermagnetismus verliehen – eine bislang unbekannte fundamentale dritte Hauptklasse des Magnetismus. Der Preis würdigt die wegweisende Arbeit der Forscher, mit der sie eine in der Natur vorkommende dritte elementare Form des kollinearen Magnetismus nachweisen konnten – neben Ferromagnetismus und Antiferromagnetismus. Diese Entdeckung revolutioniert das traditionelle Verständnis der magnetischen Ordnung und hat ein völlig neues Forschungsgebiet eröffnet – mit weitreichenden Auswirkungen auf Quantenmaterialien, die Festkörperphysik sowie zukünftige Informationstechnologien.

"Mit dieser Auszeichnung wird eine grundlegende Entdeckung gewürdigt, die eines der etabliertesten Paradigmen der Festkörperphysik infrage gestellt hat", so Prof. Dr. Jairo Sinova, Direktor des Spin Phenomena Interdisciplinary Center (SPICE) an der JGU. "Dass der Forschung diese magnetische Phase über hundert Jahre lang verborgen geblieben ist, zeigt, dass selbst gut erforschte Fachgebiete der Wissenschaft noch immer fundamentale Überraschungen bereithalten können."

Eine zentrale Rolle bei der Entdeckung sowie im experimentellen Nachweis des Altermagnetismus spielte die langjährige Zusammenarbeit zwischen der Forschungsgruppe um Prof. Dr. Jairo Sinova an der JGU und der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Tomas Jungwirth am Institut für Physik der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag. Dr. Libor Šmejkal war von 2016 bis 2024 zunächst als Doktorand und später als Postdoktorand im Team von Sinova tätig, war aber gleichzeitig auch mit der Gruppe in Prag verbunden. In diesen acht Jahren an der JGU entwickelte Šmejkal zahlreiche theoretische Konzepte, die schließlich zur Entdeckung des Altermagnetismus führten. Durch die Verbindung moderner Symmetrietheorie mit der Spintronik konnten die Forscher so eine grundlegend neue Form der magnetischen Ordnung aufzeigen. Ihre theoretischen Vorhersagen wurden schon bald durch Experimente weltweit bestätigt, unter anderem durch spektroskopische Untersuchungen und Transportmessungen an verschiedenen Materialien. Heute zählt der Altermagnetismus zu den am schnellsten wachsenden Forschungsgebieten der Festkörperphysik – mit entsprechenden Forschungsprogrammen in Europa, Nordamerika und Asien.

Physik-Lehrbücher müssen neu geschrieben werden

Mehr als ein Jahrhundert lang wurden in der Physik alle kollinearen Magnete in genau zwei Kategorien ein: Ferromagnete und Antiferromagnete. Ferromagnete zeigen ausgeprägte und messbare magnetische Eigenschaften, die die Grundlage moderner magnetischer Speichertechnologien bilden. Bei konventionellen Antiferromagneten hingegen gleichen sich die magnetischen Kräfte aus, wodurch die Materialien grundlegend andere elektronische Eigenschaften aufweisen.

Die Entdeckung des Altermagnetismus eröffnete nun eine dritte Möglichkeit: Materialien, die wie Antiferromagneten nach außen keine magnetische Wirkung zeigen, zugleich aber elektronische Eigenschaften aufweisen, die bisher ausschließlich Ferromagneten zugeschrieben wurden. Diese einzigartige Kombination ermöglicht stark spinpolarisierte elektrische Ströme bei gleichzeitig ultraschneller Magnetisierungsdynamik und macht Altermagnete zu vielversprechenden Kandidaten für die nächste Generation spintronischer Bauelemente.

Neben rein technologischen Anwendungen hat diese Entdeckung zudem weitreichende Bedeutung für die Grundlagenphysik. Der Altermagnetismus begründet eine neue Symmetrieklasse der Materie, die unerwartete Verbindungen zu topologischer Physik, unkonventioneller Supraleitung und stark korrelierten Quantenmaterialien eröffnet.

Von der theoretischen Vorhersage zu einem weltweiten Forschungsbereich

Die ersten Schritte auf dem Weg zur Entdeckung des Altermagnetismus ergaben sich aus früheren theoretischen Arbeiten über ungewöhnliche magnetische Transportphänomene, darunter auch die Vorhersage des anomalen Hall-Effekts in Kristallen. Im weiteren Verlauf erkannten die Forschenden, dass diese außergewöhnlichen Eigenschaften nicht auf einzelne Materialien beschränkt, sondern vielmehr Ausdruck einer völlig neuen magnetischen Phase sind, die durch bislang übersehene Spin-Symmetrien bestimmt wird.

Im Jahr 2022 legte das Forschungsteam die vollständige Symmetrie-Klassifizierung des Altermagnetismus vor und identifizierte Hunderte potenzieller Materialien. Seitdem haben Forschungsgruppen weltweit die Existenz des Altermagnetismus durch weitere experimentelle Methoden bestätigt, darunter die winkelaufgelöste Photoemissionsspektroskopie (ARPES) und elektrische Transportmessungen.

Das Forschungsgebiet hat sich rasant entwickelt: Innerhalb weniger Jahre sind bereits Hunderte wissenschaftliche Studien erschienen und Altermagnetismus ist zu einem zentralen Thema auf internationalen Konferenzen geworden.


Der Europhysics-Preis der EPS – eine renommierte europäische Auszeichnung

Der Europhysics-Preis der Abteilung Condensed Matter Division der European Physical Society (EPS) zählt zu den renommiertesten europäischen Auszeichnungen auf dem Gebiet der Festkörperphysik. Er wird seit 1975 verliehen und würdigt herausragende Entdeckungen, die das Fachgebiet maßgeblich vorangebracht haben und bei denen ein wesentlicher Teil der Forschungsarbeiten in Europa durchgeführt wurde.

Die Preisverleihung findet im September 2026 im Rahmen der 32. Tagung der EPS Condensed Matter Division (CMD32) im österreichischen Graz statt.


Zu den Preisträgern

Prof. Dr. Jairo Sinova ist Professor für Physik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Direktor des Spin Phenomena Interdisciplinary Centers (SPICE) an der JGU. Seine Forschungsschwerpunkte sind Spintronik, Quantenmaterialien und Magnetismus.

Dr. Libor Šmejkal leistete während seiner Tätigkeit im Team von Prof. Dr. Jairo Sinova an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz von 2016 bis 2024 die entscheidenden theoretischen Vorarbeiten zur Entdeckung des Altermagnetismus. Er ist derzeit am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme, am Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe sowie am Institut für Physik der Tschechischen Akademie der Wissenschaften tätig.

Prof. Dr. Tomas Jungwirth forscht am Institut für Physik der Tschechischen Akademie der Wissenschaften sowie an der Universität Nottingham in England und arbeitet seit vielen Jahren eng mit dem Mainzer Forschungsteam zusammen.


Mehr erfahren in der Pressemitteilung des European Physical Society unter https://eps.org/2026-eps-europhysics-prize-for-outstanding-achievement-in-condensed-matter-physics-announced/


Weitere Informationen:
Lesen Sie mehr:
Fichiers joints
  • Schematische Darstellung der Struktur eines altermagnetischen Kristalls: Die besondere Symmetrie der Elektronenverteilung ist die Grundlage für die außergewöhnlichen Eigenschaften dieser neu entdeckten Klasse magnetischer Materialien. (Abb./©: Libor Šmejkal)
Regions: Europe, Germany
Keywords: Science, People in science, Physics, Business, Universities & research, Applied science, Technology

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