Moderne Dichtung in China und homoerotische Texte vor Michelangelo: Volkswagen-Stiftung fördert zwei neue Opus Magnum-Projekte an der Goethe-Universität
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Moderne Dichtung in China und homoerotische Texte vor Michelangelo: Volkswagen-Stiftung fördert zwei neue Opus Magnum-Projekte an der Goethe-Universität


Zwei Geisteswissenschaftlerinnen an der Goethe-Universität haben bei der Volkswagenstiftung eine Opus Magnum-Förderung eingeworben, beide befassen sich mit lyrischen Texten. Für anderthalb Jahre können sie sich ganz einem großen Thema widmen. Die Romanistin Christine Ott beschäftigt sich mit homosexuellen Dichtergemeinschaften der frühen Neuzeit, die Sinologin Zhiyi Yang erforscht die Entwicklung der chinesischen Lyrik in Zeiten des Internets.

Dass der Maler und Bildhauer Michelangelo Buonarotti Liebesgedichte an junge Männer schrieb, galt bislang als einzigartig – und seine Lyrik als erste große Sammlung von Texten in der Volkssprache, die derart verbotene Gefühle zur Sprache brachte. Denn homosexuelle Handlungen konnten damals mit dem Tode bestraft werden – eigentlich Grund genug, seine Neigung geheim zu halten. Christine Ott, Professorin für romanistische Literaturwissenschaft an der Goethe-Universität, will nun in einem Buch nachweisen, dass Michelangelo mitnichten der einzige Mann war, der dieses Wagnis einging. Unter dem Titel „Michelangelo und seine Brüder. Homoerotische Dichtung in der frühen Neuzeit“ will sie bislang unerforschte Quellen aus dem italienischen 14. bis 16. Jahrhundert aufarbeiten und zeigen, dass sich schon rund 150 Jahre vor Michelangelo Dichtergemeinschaften bildeten, in deren Texten (Liebes-)Beziehungen zwischen Männern eine Rolle spielen. „Mich interessiert, welche Funktion diese Gedichte hatten, wie sie rezipiert und tradiert wurden“, erklärt Christine Ott, die auch eine Edition von rund 100 ausgewählten Kurztexten plant. Schon jetzt ist sie überzeugt, dass die darin enthaltenen Männlichkeitsentwürfe erstaunlich aktuell sind. Ermöglicht wird ihre Forschung durch die Opus Magnum Förderung der Volkswagenstiftung: Für anderthalb Jahre ist sie von ihren universitären Lehrverpflichtungen befreit, die Stiftung ermöglicht eine Vertretung.

Auch die Sinologin Prof. Zhiyi Yang befasst sich in ihrem Opus Magnum mit Lyrik – allerdings mit Lyrik aus China und aus einer jüngeren Vergangenheit. Sie will die chinesische Lyrikgeschichte, wie sie bislang erzählt wird, zurechtrücken. Denn bislang ging die Literaturwissenschaft davon aus, dass die traditionelle Lyrik seit 1917 von einer formal und sprachlich freien Dichtung verdrängt worden sei. Yang hingegen ist überzeugt: Die hinsichtlich Rhythmus und Versmaß sehr strenge Lyrik traditioneller Art wurde auch nach der neuen Kulturbewegung immer weiter betrieben. Und seit den späten 1990er Jahren habe die rasante Entwicklung des chinesischsprachigen Internets innerhalb und außerhalb Chinas das Schreiben von Gedichten in klassischen Gattungen nach vormodernen Regeln neu belebt: Auch Nicht-Profis ahmten die traditionellen Formen nach – ganz im Gegensatz zur offiziellen Dichtkunst der literarischen Moderne. Schließlich entwickelte sich eine avantgardistische Bewegung des lyrischen Klassizismus, die klassische Tradition und literarische Moderne kombinierte. „Das ist ein schillerndes, seltenes, fast magisches Wesen, geboren in Chatrooms und Bulletin-Board-Systemen (BBS)“, beschreibt Yang. Es seien technikaffine junge Dichter gewesen, die außerhalb des literarischen Establishments im Netz zusammen mit Gleichgesinnten eine neue Richtung begründeten – just in dem Moment, als KI-generierte Verse ihr Gefühl von Originalität und Authentizität zu bedrohen begannen. Diese Dichtung ist im Versmaß streng klassisch, in der Sprache modern, in der Ästhetik modernistisch und subversiv in der Ideologie. Die verschlüsselt enthaltene Kritik und Subversion sei jedoch inzwischen bedroht durch die Zensurmöglichkeiten der künstlichen Intelligenz. Zhiyi Yang plant auch eine Reise nach China als Vorarbeit für ihr Buch: Es sei wichtig, nicht nur im Internet indirekt mit Dichterinnen und Dichtern in Kontakt zu treten.

Fichiers joints
  • Christine Ott is examining homoerotic poetic communities of the early modern period. (Photo: Fotofabrik Frankfurt)
  • Zhiyi Yang is researching the evolution of Chinese poetry in the internet age. (Photo: Angelika Leuchter)
Regions: Europe, Germany, Asia, China
Keywords: Arts, Literature & creative writing, Humanities, Classics

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