Langhalsige Meeresreptilien waren in den Meeren des heutigen Chinas zur Zeit der Trias keine Seltenheit, von mehreren Arten sind Fossilien bekannt. Doch das Fossil von
Austronaga minuta ist in vielerlei Hinsicht besonders. Das Tier war mit nur 60 Zentimetern Länge zwar recht klein, besaß aber einen auffallend langen Hals und einen langen Schwanz.
Beeindruckend ist vor allem, wie gut
Austronaga an das Leben im Wasser angepasst war: Er nutzte seinen langen Schwanz als Antrieb, die verlängerten, flossenähnlichen Vorderbeine dienten zum Steuern und Stabilisieren. Die Hinterbeine hingegen waren stark verkürzt und beim Schwimmen kaum noch wichtig.
Diese ungewöhnliche Körperform ist überraschend, denn
Austronaga ist eng verwandt mit landlebenden Reptilien, den sogenannten Archosauriern, zu denen auch Krokodile und Dinosaurier gehören. Die meisten anderen bekannten Meeresreptilien mit vergleichbarer Schwimmtechnik – wie die Ichthyosaurier oder die riesigen Mosasaurier – stammen dagegen aus ganz anderen Reptiliengruppen.
„Die Archosaurier und ihre Vorfahren waren zur Zeit der Dinosaurier die artenreichste Gruppe der Landreptilien, doch wir gingen stets davon aus, dass ihre Anpassung an das Leben im Meer begrenzt war. Die Entdeckung von
Austronaga zeigt jedoch, dass frühe Vertreter dieser Linie bereits komplexe Anpassungen an das Leben in den Ozeanen entwickelt hatten – vergleichbar mit denen anderer, bekannterer Gruppen fossiler Meeresreptilien“, so Dr. Stephan Spiekman, Spezialist für langhalsige Meeresreptilien und Co-Autor der Studie.
Einzigartiger Blick ins Innere eines Meeressauriers
Zwischen den Rippen des Fossils stießen die Forschenden auf dunkle Flecken, die sich bei genauerer Untersuchung als Überreste des Verdauungstraktes herausstellten, was wissenschaftlich von besonderer Bedeutung ist. Mithilfe verschiedener Untersuchungsmethoden, darunter UV-Licht-Fotografie und Massenspektrometrie, konnten die Forschenden erstmals mehrere innere Organe eindeutig identifizieren.
„Im Vergleich zur hochspezialisierten Körperform von
Austronaga scheinen seine inneren Organe weniger verändert zu sein. Zu den erhaltenen Organen gehören ein großer, sackartiger Magen im vorderen Bereich, gefolgt von einer auffallend roten Leber, in der noch Spuren des Blutfarbstoffs Hämoglobin nachweisbar sind. Dahinter befindet sich ein langer, einfacher Schlauch, der den Dünn- und Dickdarm bildet. Die Gesamtanordnung zeigt, dass das Verdauungssystem von
Austronaga relativ einfach aufgebaut war“, sagt Dr. Wei Wang, Hauptautor der Studie und Experte für Meeresreptilien am Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking. „Dieses Fossil ist das älteste bekannte Beispiel für ein weitgehend vollständiges Verdauungssystem eines Reptils.“
„Während heutige Vögel und Krokodile einen zweigeteilten Magen besitzen, hatte
Austronaga nur eine einzelne Magenkammer. Das zeigt, dass die Mägen der Archosaurier zunächst recht einfach strukturiert waren und sich erst später im Laufe der Evolution weiterentwickelten“, erklärt Dr. Nick Fraser von den National Museums Scotland, einer der Autoren der Studie. „Auffällig ist auch, dass
Austronaga über einen recht kurzen und unkomplizierten Verdauungskanal verfügte – ganz ähnlich wie ihn heutige fischfressende Reptilien besitzen.“
Weitere Forschung zur Evolution und Ökologie der Meeresreptilien
Diese Studie wurde von Forschern des Instituts für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking (China), der National Museums Scotland (UK), des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart und der Universität Hohenheim, des Field Museums in Chicago (USA), des Luoping Biota National Geoparks (China) und der Universität Zürich durchgeführt.
Sie ist Teil einer umfassenden Analyse der Frühgeschichte moderner Reptiliengruppen und ihrer Vielfalt in den Meeren der Trias. Die Forscher hoffen, in Zukunft weitere bedeutende Entdeckungen zu machen, die Aufschluss über die Evolutionsgeschichte der Meeresreptilien und ihrer landlebenden Verwandten geben werden.
Das Fossil befindet sich in Peking.
ORIGINALPUBLIKATION:
Wei Wang, Nicholas C. Fraser, Stephan N. F. Spiekman, Zhiheng Li, Olivier Rieppel, Hong Lei, Torsten M. Scheyer and Chun Li: Highly aquatic marine stem archosaur with soft tissue preservation, Science Advances. Publikationsdatum: 29.07.2026 URL:
www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aeb7528
HINTERGRUND Emmy-Noether-Forschungsgruppe zum Thema „Turtle Origins“:
Dr. Stephan Spiekman leitet seit Mai 2026 eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Emmy-Noether-Forschungsgruppe zum Thema „Turtle Origins“. Die Forschungsgruppe ist am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart (SMNS) und an der Universität Hohenheim angesiedelt.
https://www.naturkundemuseum-bw.de/footer-menu/presse/detailansicht/wie-die-schildkroete-zu-ihrem-panzer-kam-neue-dfg-finanzierte-emmy-noether-forschungsgruppe-turtle-origins
HINTERGRUND Naturkundemuseum Stuttgart
Das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart ist ein zukunftsorientiertes Forschungs- und Kommunikationsinstitut. Die wissenschaftliche Sammlung des Museums umfasst mehr als 12 Millionen Objekte. Das Museum erforscht die Evolution des Lebens, analysiert die Biodiversität verschiedener Ökosysteme und vermittelt Forschungsergebnisse an die breite Öffentlichkeit.
www.naturkundemuseum-bw.de
HINTERGRUND Universität Hohenheim
Gegründet im Jahr 1818 als Antwort auf verheerende Hungersnöte ist die Universität Hohenheim die älteste Universität Stuttgarts. Auch 200 Jahre später folgt die stark spezialisierte Universität ihrem Gründungsauftrag, durch Forschung und Lehre innovative Beiträge zur Lösung globaler Herausforderungen zu liefern. Sie ist heute Deutschlands Nr. 1 in Agrarforschung und Food Sciences sowie stark und einzigartig in Natur-, Wirtschafts-, Sozial- und Kommunikationswissenschaften. Die Universität Hohenheim lehrt und forscht u.a. zu Themen wie Bioökonomie, Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Artenschutz, Ernährungssicherung oder alternative Energie- und Rohstoffquellen.
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