Studie der Uni Bonn: „Nudges“ fördern den Kauf von Produkten mit höheren Haltungsstandards
Sanfte Kaufanreize können bewirken, dass Kundinnen und Kunden öfter zu Lebensmitteln mit höheren Tierhaltungsstandards greifen. In diese Richtung deutet zumindest eine aktuelle Studie an der Universität Bonn. Die Forscherinnen nutzten als „Nudges“ zwei unterschiedliche Plakate zum Tierwohl-Label. Schon jedes Plakat für sich veränderte das Konsumverhalten von Testpersonen, die in einem virtuellen Supermarkt einkauften. Wurden beide Plakate kombiniert, war der Anteil der Produkte mit höheren Tierwohlstandards im Einkaufskorb am höchsten. Weitere Studien müssen noch klären, inwieweit sich die Ergebnisse auf reale Einkaufssituationen übertragen lassen. Die Studie ist im Journal of Behavioral and Experimental Economics erschienen.
„Nudges“ sind Maßnahmen, die Menschen bei Entscheidungen unterstützen – und zwar auf sanfte Weise, ohne ihre Wahlfreiheit einzuschränken. So können beispielsweise gesunde oder nachhaltige Optionen hervorgehoben werden, damit sie bei einer Kaufentscheidung stärker berücksichtigt werden.
In der aktuellen Studie haben drei Wissenschaftlerinnen der Universität Bonn untersucht, wie Nudging den Kauf von Lebensmitteln beeinflussen kann, bei deren Erzeugung das Tierwohl berücksichtigt wird. In Deutschland gibt es verschiedene Kennzeichnungen, die über die Haltungsbedingungen von Nutztieren informieren, etwa das Haltungsform-Label für Fleisch- und Milchprodukte und die Eierkennzeichnung. Sie machen sichtbar, wie tierfreundlich die Haltung ist.
850 Testpersonen auf virtueller Shoppingtour
„Wir haben nun zwei unterschiedliche Plakate gestaltet“, erklärt Leonie Bach vom Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik (ILR) der Universität Bonn. „Das erste Plakat sahen die Teilnehmenden, bevor sie den virtuellen Supermarkt betraten: Mit dem Slogan ‚Immer mehr Menschen in Deutschland entscheiden sich für mehr Tierwohl‘ wiesen wir damit auf eine soziale Norm hin. Das zweite Plakat hing über den Regalen im Supermarkt und erklärte mit anschaulichen Grafiken, für welche Bedingungen die verschiedenen Haltungsstufen stehen. Bei diesem Plakat ging es also vor allem um Informationen zum Tierwohl-Label.“
Die ILR-Wissenschaftlerinnen rekrutierten über eine Marktforschungs-Agentur mehr als 850 Versuchspersonen für ein Online-Experiment. Diese konnten am heimischen Rechner in einem virtuellen Supermarkt einkaufen. Dabei standen ihnen neben Tierwohl-Produkten auch solche aus konventioneller Haltung zur Auswahl – zu handelsüblichen Preisen. Die Teilnehmenden wurden zufällig einer von vier Gruppen zugeteilt: Eine sah keines der beiden Plakate, eine zweite ausschließlich das Plakat zur sozialen Norm, eine dritte nur das Informationsplakat über den Regalen und eine vierte beide Plakate.
Nudging scheint zu wirken – und zwar am besten in Kombination
Das Resultat: „In unserer experimentellen Studie hatten sowohl Informations- als auch Social-Norm-Nudges einen positiven Einfluss auf die Wahl von Produkten mit höheren Tierwohlstandards“, erklärt Prof. Dr. Monika Hartmann. Die Wissenschaftlerin leitet an der Universität Bonn die Abteilung Marktforschung der Agrar- und Ernährungswirtschaft und ist Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich (TRA) „Sustainable Futures“.
Durch Nudging könnte sich demnach der Kauf von Tierwohl-Lebensmitteln signifikant erhöhen lassen. Besonders vielversprechend scheint dabei die Kombination verschiedener Botschaften zu sein. „Entscheidend ist: Die beiden Maßnahmen beeinflussen sich nicht gegenseitig, sondern ihre Effekte addieren sich unabhängig voneinander“, sagt Leonie Bach. Für die Praxis bedeutet das: Jede Maßnahme wirkt für sich und kann unabhängig eingesetzt oder weggelassen werden, ohne dass sich die Wirkung der anderen verändert.
Allerdings trafen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur eine hypothetische Entscheidung. Sie mussten den Einkauf nicht tatsächlich bezahlen und erhielten am Ende auch keine echten Produkte. Inwieweit sich die Ergebnisse auf reale Supermarkt-Besuche übertragen lassen, bleibt offen. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Nudges Kaufentscheidungen in Richtung höherer Tierwohlstandards beeinflussen und als ein Baustein eines breiteren Maßnahmenpakets dienen können.
Förderung:
Das Projekt wurde durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gefördert; Projektträger: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE); Förderkennzeichen: 28N1800025
Publikation: Leonie Bach, Monika Hartmann, Nina Weingarten: Two nudges, one goal: Promoting animal welfare in a virtual supermarket; Journal of Behavioral and Experimental Economics; https://doi.org/10.1016/j.socec.2026.102608