Zwei ERC Advanced Grants für Forscherinnen der Universität Freiburg
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Zwei ERC Advanced Grants für Forscherinnen der Universität Freiburg


  • Zwei Forscherinnen der Universität Freiburg haben für ihre Projekte jeweils rund 2,5 Millionen Euro beim Europäischen Forschungsrat eingeworben.
  • In ihrem Projekt „TabA“ untersucht die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Johanna Pink, wie Traditionen der Koranauslegung von Westafrika bis Südostasien im 19. Jahrhundert zur Entstehung der islamischen Moderne beitrugen.
  • Die Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Marlene Bartos erforscht in ihrem Projekt „ReMember-CA3“ Mechanismen, die es dem Gehirn ermöglichen, Erinnerungen zu bilden und diese wieder abzurufen.

Die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Johanna Pink und die Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Marlene Bartos von der Universität Freiburg erhalten jeweils einen Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC). Damit fördert die Europäische Union Projekte der beiden Wissenschaftler*innen: Pink forscht zur globalen Entstehung der islamischen Moderne, Bartos zu der Frage, wie das Gehirn Erinnerungen bildet und wieder abruft. Jedes der beiden Forschungsprojekte erhält rund 2,5 Millionen Euro über eine Laufzeit von fünf Jahren. Von europaweit mehr als 3.300 eingereichten Anträgen wurden 319 zur Förderung ausgewählt.

Projekt „TabA“ – Entstehung der islamischen Moderne

Pinks Projekt „TabA – Tafsīr beyond Arabic“ untersucht, wie Muslim*innen im 19. Jahrhundert den Koran in verschiedenen Sprachen verstanden, erklärt und weitergegeben haben. Hierzu werden erstmals Korankommentare aus allen Regionen der islamischen Welt von Westafrika bis Südostasien gemeinsam betrachtet und unter anderem durch computergestützte Analysen miteinander verglichen.

„Mit seinem globalen Ansatz kann das Projekt TabA entscheidend dazu beitragen zu verstehen, wie die islamische Moderne entstanden ist – in einer Zeit, in der religiöse Texte nicht mehr nur handschriftlich und mündlich übermittelt, sondern gedruckt wurden und weite Verbreitung fanden“, sagt Pink. „Die Förderung durch den ERC ermöglicht mir den Aufbau eines mehrsprachigen Teams mit vielfältigen regionalen und methodischen Kompetenzen, das den Herausforderungen dieses sprach- und regionalvergleichenden Projekts gewachsen ist.“

Vorstellungen über den Koran im Alltag

Der umfassende Forschungsansatz ermöglicht neue Einblicke in die Auslegungstraditionen des Koran zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert. Diese Auslegungen verbanden Muslim*innen über Sprachgrenzen und große Distanzen hinweg miteinander, aber sie beinhalten auch regionale Besonderheiten, die zum Beispiel durch konfessionelle Unterschiede oder den Einfluss bestimmter Gelehrtentraditionen begründet sind.

Ein besonderes Augenmerk des Projekts liegt auf kurzen Formen des Korankommentars, die in der Forschung bislang wenig Aufmerksamkeit erhielten, aber intensiv in Schulen, Predigten, an Höfen und in religiösen Gemeinschaften genutzt wurden. Aus ihnen lässt sich ablesen, wie Vorstellungen über den Koran im Alltag vermittelt wurden und welche Rolle sie im Bildungswesen und in der Frömmigkeit spielten.

Quelle ethischen und religiösen Handelns

Im Zentrum der Analyse steht die Frage, wie der Koran im Zeitalter des islamischen Modernismus um die Wende zum 20. Jahrhundert für Muslim*innen weltweit zu einer zentralen Quelle des Glaubens sowie des ethischen und religiösen Handelns werden konnte. Wichtig für diese Entwicklung war die zuvor keineswegs selbstverständliche Idee, dass die Gläubigen den Koran nicht nur auf Arabisch rezitieren, sondern auch inhaltlich durchdringen sollten. „TabA hat das Potenzial, die Ausbreitung dieser Idee über alle Regionen der damaligen ‚islamischen Welt‘ nachzuzeichnen – und dies bereits vor der Konfrontation mit europäischem Denken, die oft als Initialzündung für den islamischen Modernismus angenommen wird“, sagt Pink.

Projekt „ReMember-CA3“ – Bildung und Abruf von Gedächtnisinhalten

Bartos’ Projekt „ReMember-CA3 – Circuit mechanisms underlying the discrimination and recall of memories along the hippocampal CA3 axis in behaving mice“ beschäftigt sich mit einer zentralen Frage der systemischen Neurowissenschaften: Wie kann das Gehirn neue Erinnerungen bilden, ohne bereits bestehende zu überschreiben? Und wie kann das Gehirn diese auch nach langer Zeit wieder abrufen, obwohl nur noch Fragmente der ursprünglichen Information verfügbar sind?

Die Fähigkeit, Erinnerungen an Erlebnisse und Erfahrungen abzurufen, ist eine grundlegende kognitive Leistung. Sie ermöglicht es uns, unser Verhalten und unsere Entscheidungen flexibel an neue Lebenssituationen anzupassen, indem wir unsere Erfahrungen mit einbeziehen. Ein Verlust dieser Fähigkeit ist charakteristisch für schwere Erkrankungen des Nervensystems, die mit Gedächtnisstörungen einhergehen, wie beispielsweise die Alzheimer-Erkrankung.

Untersuchung der hippokampalen Region CA3

„Unser vom ERC gefördertes Projekt widmet sich einer besonders herausfordernden wissenschaftlichen Fragestellung und ist auch technisch hoch anspruchsvoll“, sagt Bartos. „Ziel unserer Forschungsarbeit ist es, grundlegende Mechanismen zu entschlüsseln, die es dem Gehirn ermöglichen, Informationen zu verarbeiten, diese zu speichern und wieder abzurufen.“

Hierzu wird Bartos gemeinsam mit ihrem Team die sogenannte hippokampale Region CA3 des Gehirns untersuchen. Dabei handelt es sich um eine bislang vergleichsweise wenig erforschte Gehirnregion, die jedoch eine Schlüsselrolle bei der Bildung episodischer Erinnerungen einnimmt.

Faszinierender Prozess des Erinnerns

„Die Ergebnisse dieses innovativen multidisziplinären Forschungsprojekts werden neue Erkenntnisse über die Schaltkreismechanismen liefern, die der erfahrungsabhängigen Bildung, Unterscheidung und dem Abruf von Gedächtnisinhalten in der CA3-Region des Hippokampus zugrunde liegen“, sagt Prof. Marlene Bartos. „Unsere Ergebnisse können dazu beitragen, den faszinierenden Prozess des Lernens und Erinnerns besser zu verstehen.“

Weitere Informationen

Prof. Dr. Johanna Pink
Johanna Pink ist seit 2012 Professorin für Islamwissenschaft und Geschichte des Islams am Orientalischen Seminar der Universität Freiburg. Sie ist eine der führenden Forscherinnen zu muslimischer Koranauslegung und hat zahlreiche Projekte zu Islam in Südostasien, der arabischen Welt und Deutschland verantwortet. Ihr Projekt „GloQur – The Global Qur’an“ [https://gloqur.de] zur transnationalen Dimension muslimischer Koranübersetzungen im 20. und 21. Jahrhundert wurde von 2020 bis 2025 mit einem ERC Consolidator Grant gefördert.
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Prof. Dr. Marlene Bartos
Marlene Bartos leitet das Institut für Physiologie, Abteilung I, der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg. Sie ist Sprecherin des Sonderforschungsbereichs Transregio „IN-CODE – Hemmende Neurone: ihre Rolle in der Gestaltung des kortikalen Codes“ [https://sfb-trr384.de/]. Außerdem ist sie Mitglied der überregionalen Forschergruppe „Präfrontale Flexibilität“, des Zentrums „BrainLinks–BrainTools“, des Bernsteinzentrums Freiburg und der Spemann Graduiertenschule für Biologie und Medizin der Universität Freiburg. Ihre Forschungen wurden bereits mit einer Lichtenberg-Professur der VW-Stiftung, einem Reinhart Koselleck-Projekt der DFG und einem ERC Advanced Grant 2018 ausgezeichnet. Sie ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.
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ERC Advanced Grant
ERC Advanced Grants richten sich an etablierte, aktive Forschende aller Fachbereiche mit einer herausragenden wissenschaftlichen Leistungsbilanz. Die Förderung kann bis zu fünf Jahre umfassen und bis zu 2,5 Millionen Euro betragen.

Regions: Europe, Germany, European Union and Organisations
Keywords: Humanities, Grants & new facilities, Religion, Science, Life Sciences

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