Wie Menschen vor Jahrhunderten lebten: Der Band befasst sich mit ihrer Identität
Wie lebten Menschen vor Jahrhunderten? Wie sahen sie sich selbst? Wie wurden sie von anderen wahrgenommen? Die Archäologie untersucht heute mit modernen Methoden Skelette, Besitz, Bestattungsbräuche sowie soziale und räumliche Beziehungen. Wie sich daraus die Identität von Menschen aus der Vergangenheit rekonstruieren lässt, zeigt das Buch „Human Identities in the Archaeological Record: Interdisciplinary Perspectives from Late Antiquity to the Modern Period“.
„Identität ist ein außerordentlich aktuelles Thema“, sagt Mitherausgeberin Jun.-Prof. Dr. Alice Toso vom Bonner Zentrum für Archäowissenschaften der Universität. „Wir alle erleben Identität als etwas, das von Zugehörigkeit, Unterschiedlichkeit, Erinnerung, gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Entscheidungen geprägt ist.“ Die Wissenschaftlerin ist fasziniert von der Frage, wie Menschen in der Vergangenheit sich selbst verstanden haben mögen und wie sie von anderen wahrgenommen wurden.
Natürlich kann Forschung Menschen der Vergangenheit niemals vollständig verstehen. Forschende müssten stets darauf achten, ihnen nicht die eigenen Kategorien aufzuzwingen. „Die Möglichkeit, nach so langer Zeit etwas von den Erfahrungen, Zugehörigkeiten oder Kämpfen einer Person zu rekonstruieren, bereitet mir Gänsehaut“, sagt die Bio-Archäologin der Universität Bonn. „Für mich ist dieses Gefühl der menschlichen Verbundenheit über Jahrhunderte hinweg einer der stärksten Aspekte der archäologischen Forschung.“
Unter der gemeinsamen Herausgeberschaft von Annamaria Diana (unabhängige Forscherin, Irland), Daniela Marcu-Istrate (Vasile Pârvan Institute of Archaeology, Rumänien) und der Bioarchäologin Alice Toso (Universität Bonn) vereint „Human Identities in the Archaeological Record“ internationale Perspektiven zu Zugehörigkeit, Vielfalt, Resilienz und Andersartigkeit von der Spätantike bis zur Moderne.
Wissenschaft über Grenzen hinweg
Mit innovativen Analyseverfahren können die Forschenden untersuchen, was Menschen gegessen haben, wo sie aufgewachsen sind - auch wie ihre Körper von Krankheiten, Ernährung, Arbeit und Ungleichheit beeinflusst wurden. Die Herausgeberinnen betonen die Bedeutung der transdisziplinären Perspektive: „Große Datensätze bleiben unvollständig, solange sie nicht im archäologischen Kontext, anhand historischer Belege und unter Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Theorien interpretiert werden.“
Was auf dem Speiseplan stand, ist ein hervorragendes Beispiel für die Vielschichtigkeit dieser Forschung. „Was ein Mensch aß, hing nicht nur von seinen persönlichen Vorlieben ab“, sagt Toso. Vielmehr hatten auch die Landschaft und die darin verfügbaren Ressourcen, aber auch religiöse Vorschriften, landwirtschaftliche Praktiken, der Zugang zu Märkten, politische Macht, Haushaltsstrukturen und sozialer Status einen Einfluss.
Ebenso komplex ist es, eine Bestattung zu interpretieren. „Ein Grab drückt nicht einfach nur die Identität des Verstorbenen aus“, sagt Marcu-Istrate, leitende Wissenschaftlerin am Vasile Pârvan Institute of Archaeology in Bukarest. „Es zeugt auch von den Entscheidungen der Angehörigen, den religiösen Autoritäten und der Gemeinschaft.“ So spiegeln Lage, Gestaltung, Grabbeigaben und Behandlung des Leichnams die Beziehungen zwischen dem Einzelnen, der Gemeinschaft und den Institutionen wider.
Welche Identitäten werden verschwiegen?
Die grundlegende Frage des Buches ist, wie die Menschen sich selbst und andere verstanden haben. Aber auch, wie diese Identitäten zum Ausdruck gebracht, ausgehandelt, aufgezwungen, verändert oder unterdrückt wurden. „Jeder Mensch ist sowohl einzigartig als auch Teil einer oder mehrerer Gemeinschaften“, sagt Diana. Der Band stellt dar, wie Individualität mit kollektiven Zugehörigkeiten basierend auf Religion, sozialem Status, Beruf, Abstammung, Geschlecht, Herkunft oder politischer Identität koexistierte.
Die Forschenden fragen, wie zuverlässig sich Identität aus materiellen Überresten rekonstruieren lässt. Archäologische Zeugnisse sind unvollständig und historische Quellen oft lückenhaft und von Eliten geprägt. Wessen Identität wird sichtbar, und wer wird vergessen oder bewusst ausgelöscht? „Die Archäologie kann Belege zu versklavten Menschen, Migranten, religiösen Minderheiten, sozialen Außenseitern und Gemeinschaften wiederherstellen, die in der geschriebenen Geschichte nicht vorkommen“, sagt Toso, die auch Mitglied im Exzellenzcluster „Bonn Center for Dependency & Slavery Studies“ sowie in den Transdisziplinären Forschungsbereichen „Life & Health“ sowie „Present Pasts“ ist. „Rekonstruktion von Identität ist daher auch eine ethische Verantwortung.“
Anhand von Fallstudien aus Europa, Amerika, Afrika und Australien veranschaulicht das Buch, wie Menschen und Gemeinschaften ihre Identitäten in unterschiedlichen historischen Kontexten zum Ausdruck brachten, aushandelten und bewahrten. Überraschend ist, wie aktuell diese archäologischen Fragen heute sind. Viele der Kapitel befassen sich mit Migration, Vertreibung, religiöser Verfolgung, Kolonialismus und der Unterdrückung kultureller Vielfalt. „Die Vergangenheit zeigt sowohl die lange Geschichte dieser Prozesse als auch die Widerstandsfähigkeit von Gemeinschaften, deren Identität trotz des Zwangs zur Anpassung erhalten blieb“, sagt Marcu-Istrate.
Publikation: „Human Identities in the Archaeological Record: Interdisciplinary Perspectives from Late Antiquity to the Modern Period“, Bloomsbury Academic, 288 S., 46 Schwarz-Weiß-Abbildungen, 120 US-Dollar