„Ungleichheit von Gesundheitschancen ist mehr als eine Frage der Gesundheitssysteme“
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„Ungleichheit von Gesundheitschancen ist mehr als eine Frage der Gesundheitssysteme“


Forscherinnen und Forscher der Universität Heidelberg fordern, das Thema Gesundheit zentral in der Klima- und Umweltpolitik zu verankern

Die weltweite Ungleichheit von Gesundheitschancen wird durch die dreifache planetare Krise – Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt und Umweltverschmutzung – weiter verschärft. Sie zu verhindern, ist damit mehr als eine Frage der Gesundheitssysteme, sondern muss als zentrales Anliegen in der Klima- und Umweltpolitik verankert werden. Das fordern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Heidelberg, die unter anderem zu globaler Gesundheit, umweltbezogenen Krankheiten und Klimaschutzmaßnahmen forschen. Sie treten dafür ein, dieser Ungleichheit nicht nur auf individueller Ebene zu begegnen, sondern auch strukturelle Ursachen zu beseitigen. Welche Ansätze dafür in der Forschung und auf politischer Ebene erforderlich sind, erläutern sie in einem Paper, das in der Fachzeitschrift „Nature Human Behaviour“ erschienen ist.

Wie die Autorinnen und Autoren der aktuellen Veröffentlichung betonen, sind bereits sieben der acht „sicheren und gerechten Erdsystemgrenzen“ überschritten – der Grenzen, die für die Stabilität und Belastbarkeit des gesamten Planeten stehen und dabei auch den Aspekt Gerechtigkeit für alle Menschen berücksichtigen. Ein Großteil der Weltbevölkerung ist danach gleich von mehreren Grenzüberschreitungen betroffen, dabei sind die Auswirkungen weltweit ungleich verteilt. Unverhältnismäßig stark betroffen sind nach den Angaben der Heidelberger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen, ebenso wie ärmere und ältere Bevölkerungsgruppen innerhalb von Regionen mit hohem Einkommen.

„Wohlstand und ein größerer finanzieller Spielraum erlaubt es Menschen, sich besser gegen Klima- und Umweltkrisen zu schützen, ohne ihre Konsumgewohnheiten ändern zu müssen – Gewohnheiten, die zur planetaren Krise beitragen. Diese Ungleichheit ist ein zentrales Hindernis für Gesundheitsgerechtigkeit, die allen Individuen unabhängig von ihrer sozialen, wirtschaftlichen oder geografischen Lage das größtmögliche Potential für ein Leben in Gesundheit bieten soll. Sie zu bekämpfen ist mit der Frage verbunden, welchen Beitrag dazu Klimapolitik und Klimaschutz leisten können“, betont die Politikwissenschaftlerin Dr. Nihan Toprakkiran. Sie ist Wissenschaftliche Koordinatorin der demnächst startenden Flagship-Initiative Climate-Life-Nexus der Universität Heidelberg, die sich auf die interdisziplinäre Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Klima und Gesundheit fokussiert.

Nach den Worten von Prof. Dr. Joacim Rocklöv, Wissenschaftler am Heidelberger Institut für Global Health und am Interdisziplinären Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen, sind Gesundheitsrisiken im Zuge der dreifachen planetarischen Krise selten auf eine einzelne Gefährdung zurückzuführen. „Hitze, Umweltverschmutzung, klimabedingte Infektionskrankheiten und begrenzte Ressourcen können gleichzeitig auftreten, und diese Risiken addieren sich nicht einfach, sondern verstärken einander“, sagt der Epidemiologe, Mathematiker und Statistiker. Er ist Leiter des Heidelberg Planetary Health Hub an der Universität Heidelberg und einer der beiden Koordinatoren des europäischen Lancet-Countdown-Berichts zu Gesundheit und Klimawandel. Prof. Rocklöv: „Wir müssen diese Gefährdungen übergreifend erfassen, um die am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppen zu identifizieren und wirksame Maßnahmen zu entwickeln.“

Für den Geoinformatiker Prof. Dr. Alexander Zipf ist es dazu vor allem notwendig, Lücken bei geographischen Forschungsdaten und beim Monitoring zu schließen. „In den Regionen mit den höchsten Risiken liegen nach wie vor nur wenige offizielle Umwelt- und Gesundheitsdaten vor“, so der Wissenschaftler, der am Geographischen Institut der Universität Heidelberg forscht und zugleich das HeiGIT (Heidelberg Institute for Geoinformation Technology) leitet. „Wenn wir zentrale Daten aus der Erdbeobachtung mit lokal generierten Geodaten verbinden, lassen sich Regionen identifizieren, die lange Zeit übersehen wurden. So können wir gegen Ungleichheiten vorgehen, die zuvor unsichtbar waren.“

In ihrem Paper formulieren die Forscherinnen und Forscher – unter ihnen auch die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Jale Tosun und die Öko-Epidemiologin Dr. Marina Treskova – eine Reihe weiterer Maßnahmen, etwa eine Intensivierung der Forschung zu sozio-ökologischen Rückkopplungseffekten. Sie sprechen sich dafür aus, das Analyse- und Steuerungsinstrument der Gesundheitsfolgenabschätzung auch in klimapolitische Planungen einzubetten. Sie soll Auskunft darüber geben, welche Bevölkerungsgruppen unter dem Aspekt Gesundheit von Maßnahmen profitieren und welche dabei benachteiligt werden – und zwar bereits vor ihrer Realisierung. Ziel ist eine ganzheitliche Politik, die klimapolitische Ansätze zur Eindämmung des Klimawandels, den Schutz der Artenvielfalt und die Verringerung der Umweltverschmutzung, mit Maßnahmen verbindet, die die Ungleichheit von Gesundheitschancen verhindern und die Gesundheitsgerechtigkeit fördern sollen.

N. Toprakkiran, M. Treskova, J. Tosun, A. Zipf, J. Rocklöv: Rising health inequities require looking beyond health systems. Nature Human Behaviour (published online 21 September 2026); www.nature.com/articles/s41562-026-02565-7
Regions: Europe, Germany
Keywords: Health, Environmental health, Policy

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