Was macht wachsende ökonomische Ungleichheit mit dem Glauben an die Meritokratie, also daran, dass Leistung und eigene Anstrengung zum Erfolg führen? Dazu gibt es eine vielbeachtete Studie des niederländischen Soziologen Jonathan Mijs, der inzwischen an der Boston University lehrt. Sie besagt: Bei wachsender sozialer Ungleichheit wächst auch das Vertrauen, dass sich Leistung lohnt – intuitiv würden soziologische Laien das Gegenteil erwarten, und auch in der Fachwelt löste das Ergebnis Diskussionen aus.
Sven Ehmes, Doktorand bei Markus Gangl, versuchte zusammen mit diesem, die Ergebnisse zu „replizieren“, also mit eigenen Daten zu denselben Schlussfolgerungen zu kommen. Das wollte ihnen aber partout nicht gelingen. Ehmes und Gangl wiesen vielmehr das Gegenteil nach: Wenn die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, sinkt das Vertrauen in die Meritokratie. Ehmes’ und Gangls Studie wurde von der renommierten Zeitschrift Socio-Economic Review angenommen – ein Mitglied des Herausgeberbeirats ist Mijs. Der gratulierte zum Ergebnis.
Der Unterschied zwischen den beiden Studien: Mijs hatte berücksichtigt, ob Befragte sozial auf- oder abgestiegen waren, während Ehmes und Gangl nur den aktuellen sozio-ökonomischen Status der Befragten einbezogen. „Wir haben also die Frage beantwortet, wie Bürgerinnen und Bürger typischerweise reagieren, wenn sie sehen, dass ihre Gesellschaft ungleicher wird, Jonathan Mijs hatte dagegen unbeabsichtigt eher die Frage beantwortet, wie die Befragten über Meritokratie in Abhängigkeit davon denken, ob sie selbst einen sozialen Aufstieg unter den Bedingungen von niedriger oder hoher sozialer Ungleichheit erreichen konnten“, erklärt Markus Gangl. Gerade Erfolge werden bei hoher Ungleichheit offenbar eher als Folge des individuellen Einsatzes gedeutet, was den Glauben an das Leistungssystem befördert.
Markus Gangl ist seit 2011 Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Sozialstruktur und Sozialpolitik an der Goethe-Universität. 2019 warb er den Advanced Grant des European Reasearch Council (ERC) ein. Für das Projekt „Polarization and its discontents: does rising economic inequality undermine the foundations of liberal societies?” – kurz POLAR – erhielt er für die Zeit von April 2020 bis September 2025 eine Fördersumme von 2,5 Millionen Euro. Die besondere Stärke des Projekts sei, dass es ausreichend Zeit beinhaltet habe, um eine eigene und sehr solide Datenbasis aufzubauen, erklärt Gangl. Befragungsdaten aus mehr als 30 Ländern des Westens aus der Zeit von 1980 bis zum Beginn der Corona-Pandemie haben er und sein Team in eine einzige riesige Datenbank überführt, die mehr als fünf Millionen Datensätze enthält. Im regulären Wissenschaftsbetrieb sei das kaum machbar. Die neue Datenbank ermöglicht eine beispiellose Längsschnittanalyse, die mehrere Themenbereiche umspannt. Davon profitierten auch Gangls Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auf fünf Stellen ihre Qualifikationsarbeiten erstellen konnten.
Auch Polarisierung und Vertrauen abhängig vom Grad der Ungleichheit
In einer weiteren Studie ging es beispielsweise um Polarisierung, auch ein vielbesprochenes Phänomen der Gegenwart. Cristian Márquez Romo, Simon Bienstman und Markus Gangl betrachten darin die Frage, wie die wachsende Ungleichheit sich auf die Wahrnehmung von gesellschaftlichen Konflikten auswirkt. Frühere Studien hatten gezeigt, dass Menschen in Ländern mit größerer Einkommensungleichheit soziale Gegensätze stärker wahrnehmen. Das Frankfurter Team bezieht nun die zeitlichen Veränderungen mit ein und weist nach: Wenn die Ungleichverteilung der Einkommen zunimmt, werden gesellschaftliche Konflikte umso stärker wahrgenommen. Dieser Effekt zeigt sich in fast allen sozialen Gruppen und verstärkt die Polarisierung. Einzige Ausnahme sind die Mitglieder der oberen Mittelschicht.
Frühere Studien zeigten auch, dass wachsende Einkommensungleichheit das Vertrauen in demokratische Institutionen schwächen kann. Simon Bienstman, Svenja Hense und Markus Gangl haben die Ursachen dafür untersucht und fanden heraus: Menschen in ungleicheren Gesellschaften haben häufiger das Gefühl, politisch wenig Einfluss zu haben und von der Politik nicht gehört zu werden. Dadurch sinkt das Vertrauen in Politik, man fühlt sich politisch ohnmächtig. Diese Diagnose ist unabhängig von der politischen Einstellung, allerdings ist der Effekt bei links orientierten Personen stärker und unmittelbarer, weil für sie die Reduzierung von Ungleichheiten auch ein originäres politisches Ziel darstellt.
Eine weitere interessante Studie ist noch im Begutachtungsverfahren. Darin geht es um die Frage, wie wachsende Ungleichheit sich auf Partnerschafts- und Heiratsmärkte auswirkt. Bleibt man eher unter sich, wenn das soziale Klima rauer wird? Diese Frage wird voraussichtlich im kommenden Jahr beantwortet werden können.
Ein
Porträt von Markus Gangl
zum Download unter:
https://www.uni-frankfurt.de/186795180
Bildtext: Wie wirkt sich wachsende ökonomische Ungleichheit auf die Gesellschaft aus? Damit haben sich Prof. Markus Gangl und sein Team im Rahmen des ERC-Projekts POLAR beschäftigt. (Foto: Uwe Dettmar/GU)