Weniger Hunger, mehr Umweltprobleme?
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Weniger Hunger, mehr Umweltprobleme?

29/04/2026 Universität Bonn


Studie der Universität Bonn untersucht Spannungsfeld zwischen menschlicher Gesundheit und Nachhaltigkeit

In den Ländern Afrikas südlich der Sahara sind viele Menschen unter- oder mangelernährt. Eine Studie der Universitäten Bonn und Ghana zeigt nun, wie wachsender Wohlstand und eine zunehmende Urbanisierung den Speiseplan der Menschen dort beeinflussen. Demnach ernähren sich die wohlhabenderen Bevölkerungsschichten mehr und mehr wie Menschen in den westlichen Industrienationen. Dadurch verbessert sich zwar ihre Versorgung mit wichtigen Nährstoffen. Gleichzeitig steigen die negativen Auswirkungen auf die Umwelt. Die Studie geht auch darauf ein, wie sich diese ökologischen Schäden minimieren lassen. Sie ist in der Zeitschrift „Sustainable Production and Consumption“ erschienen.

Ein Drittel der weltweit ausgestoßenen Treibhausgase entsteht bei der Produktion von Lebensmitteln. Mit dem, was wir essen und trinken, tragen wir also signifikant zur Erderwärmung bei. Gerade in westlichen Industrienationen gefährden die dort üblichen Ernährungsmuster Klima und Umwelt. „In den Ländern südlich der Sahara sind die ökologischen Auswirkungen dagegen deutlich geringer“, betont Prof. Dr. Matin Qaim vom Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn.

Das liegt vor allem an zwei Punkten, wie die aktuelle Studie zeigt: Zum Einen essen dort viele Menschen schlicht weniger, weil sie es sich nicht leisten können. Zum Anderen stehen bei ihnen tierische Lebensmittel wie Fleisch, Eier und Milch vergleichsweise selten auf dem Speiseplan. Die Herstellung dieser Produkte ist besonders umweltschädlich. Gleichzeitig sind sie jedoch eine hochwertige Protein- und Nährstoffquelle. Werden sie verstärkt konsumiert, kann das daher den Ernährungsstatus positiv beeinflussen.

Ernährungsdaten von 18.000 Haushalten ausgewertet

Die Forschenden stützen sich für ihre Analyse auf Ernährungsdaten von knapp 18.000 Haushalten in Ghana, Äthiopien und Nigeria. Diese enthielten auch Angaben zum jeweiligen Haushaltseinkommen der Befragten und dazu, ob sie in der Stadt oder auf dem Land lebten. „Für jedes konsumierte Lebensmittel haben wir eine sogenannte Lebenszyklus-Analyse vorgenommen“, erklärt Qaims Mitarbeiterin Dr. Juliana Minetto Gellert Paris, die Erstautorin der Studie.

Dabei versucht man möglichst genau zu bestimmen, welche Auswirkung die Herstellung eines Produkts auf die Umwelt hat: Wieviel Landfläche wird für den Anbau benötigt? Wieviel Dünger wird eingesetzt? Wie hoch ist der Ernteertrag? Welcher Anteil davon verdirbt, weil er nicht schnell genug zum Markt gelangt? Wie weit sind die Transportwege und wieviel Energie wird dafür benötigt? „Aus all diesen Faktoren lässt sich beispielsweise berechnen, welche Menge an Treibhausgasen bei der Produktion von einem Liter Milch oder einem Kilogramm Mais- oder Maniokmehl entsteht“, sagt Gellert Paris.

Gutverdiener konsumieren ähnliche Lebensmittel wie im Westen

Bislang gab es derartige Analysen fast ausschließlich für Industrienationen. Doch Getreide, das in Ghana produziert wird, hat andere Auswirkungen auf die Umwelt als Getreide aus Deutschland. Die Produktionsbedingungen unterscheiden sich stark, so dass man nicht die gleichen ökologischen Effekte unterstellen kann. Dennoch fehlten verlässliche Zahlen für Subsahara-Afrika bislang weitestgehend. Die aktuelle Studie ändert das. Sie erlaubt damit erstmals einen fundierten Blick auf den ökologischen Fußabdruck, den die Ernährungsmuster dort verursachen.

Für viele Menschen in Subsahara-Afrika sind Fleisch, Eier und Milch ein Luxus, den sie sich nur selten leisten können. Das gilt aber nicht für Gutverdiener, wie die Daten zeigen: Sie ernähren sich im Schnitt ähnlich wie Personen in westlichen Industrieländern – mit deutlich mehr tierischen Produkten, aber auch mit hoch verarbeiteten Lebensmitteln. Auch ihr Konsum von Limonaden, Fruchtsäften, Kaffee und Tee war erheblich höher als beim Rest der Befragten. „Bei den Stadtbewohnern lässt sich ein ähnlicher Trend beobachten“, sagt Qaim, der auch Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich (TRA) „Nachhaltige Zukunft“ und im Exzellenzcluster „PhenoRob“ ist. „Das gilt selbst bei denen, die nicht ganz so gut verdienen.“

Fleischverzicht zu fordern, wäre ebenso arrogant wie zynisch

Ein höheres Einkommen und die zunehmende Urbanisierung führen also dazu, dass sich die Ernährungsmuster umstellen. „Das ist bis zu einem gewissen Grade positiv“, erläutert Gellert Paris: „Gerade der vermehrte Verzehr von tierischen Lebensmitteln sorgt für eine verbesserte Versorgung mit wichtigen Nährstoffen.“ Allerdings gilt das nur bis zu einem bestimmten Punkt: Zuviel Fleisch schadet nicht nur der Umwelt, sondern auch der Gesundheit.

Momentan leben in Ländern südlich der Sahara rund 1,3 Milliarden Menschen. 2050 werden es wohl doppelt so viele sein. „Sie alle mit hochwertigen Lebensmitteln zu versorgen, ist ein vordringliches Ziel“, betont die Wissenschaftlerin. „Auch wenn dazu eine vermehrte Produktion tierbasierter Produkte nötig sein sollte. Es wäre ebenso arrogant wie zynisch, von den Menschen dort zu erwarten, zu Gunsten der Umwelt Vegetarier zu werden.“

Mehr negative ökologische Auswirkungen

Insgesamt sei damit zu rechnen, dass die negativen ökologischen Effekte des Lebensmittelsektors in Subsahara-Afrika deutlich zunehmen werden. Dennoch glauben die Forschenden, dass sich diese Auswirkungen begrenzen lassen – etwa durch Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft. Denn je weniger Fläche benötigt wird, um eine bestimmte Menge zu erzeugen, desto geringer sind die dadurch verursachten Umweltschäden. Zudem sei es wichtig, die Verluste zu minimieren. Momentan verdirbt ein Teil der Erzeugnisse, bevor er auf den Tellern landet – beispielsweise, weil es an Möglichkeiten mangelt, die Ware zu kühlen.

„Durch technologische Fortschritte lassen sich die ökologischen Folgen zumindest mindern“, sagt Qaim. „Zusätzlich sollte die Politik aber versuchen, durch Aufklärungs-Kampagnen zu verhindern, dass unser Lebensstil auch in den Ländern Afrikas Schule macht. Denn wir taugen sicher nicht als gutes Vorbild für Nachhaltigkeit.“

Beteiligte Institutionen und Förderung:

An der Studie waren die Universitäten Bonn und Ghana beteiligt. Die Analysen wurden durch die Stiftung „fiat panis“ sowie durch den TRA „Nachhaltige Zukunft“ der Universität Bonn finanziell unterstützt.

Publikation (Open Access): Juliana Minetto Gellert Paris, Ute Nöthlings, Felix Ankomah Asante & Matin Qaim: The sustainability of diets in sub-Saharan Africa: Synergies and tradeoffs between human health and the environment; Sustainable Production and Consumption; DOI: https://doi.org/10.1016/j.spc.2026.04.007
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  • In Subsahara-Afrika haben viele Menschen keinen ausreichenden Zugang zu hochwertigen Lebensmitteln. Das zu ändern und dabei gleichzeitig die negativen Effekte für die Umwelt möglichst gering zu halten, ist eine Herausforderung. Foto: Matin Qaim/Universität Bonn
29/04/2026 Universität Bonn
Regions: Africa, Ethiopia, Ghana, Nigeria, Europe, Germany
Keywords: Health, Food, Science, Environment - science

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