Forschung in Biological Psychiatry: Kognitive Neurowissenschaften und Neuroimaging stellt traditionelle, defizitorientierte Sichtweisen auf belastende Lebenserfahrungen infrage und zeigt einen dynamischeren, hoffnungsvolleren Ansatz für die interdisziplinäre Gesundheitsversorgung
Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die langfristigen neurobiologischen Auswirkungen von Kindheitstraumata nicht dauerhaft im Gehirn festgeschrieben sind. Eine Analyse der Kommunikationsmuster im Gehirn von Menschen, die in ihrer Kindheit widrige Lebensumstände erlebt haben, zeigt: Lebenslange körperliche Aktivität kann neuronale Verbindungen neu organisieren. Dadurch wird die Kommunikation zwischen verschiedenen Hirnregionen gestärkt und die Stressverarbeitung des Gehirns verbessert. Die in „Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging“ von Elsevier veröffentlichten Ergebnisse stellen die Vorstellung eines dauerhaft traumatisierten Gehirns infrage und heben körperliche Aktivität als einen veränderbaren Lebensstilfaktor hervor, der mit neurobiologischer Anpassung verbunden ist.
Negative Kindheitserfahrungen wie emotionaler, körperlicher und/oder sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Gesundheit und stehen im Zusammenhang mit langfristigen Veränderungen der Gehirnfunktion. Diese Veränderungen können das Risiko für psychische Erkrankungen wie posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und bipolare Störungen erhöhen.
Körperliche Aktivität steht im Zusammenhang mit synaptischer Plastizität, Neurogenese und einer verstärkten Vernetzung innerhalb wichtiger neuronaler Schaltkreise. Während die positiven Effekte von körperlicher Aktivität bei Erkrankungen wie Depressionen und Angstzuständen gut belegt sind, gibt es bislang nur wenige Erkenntnisse darüber, wie sich körperliche Aktivität auf neurobiologische Ergebnisse bei traumatisierten Bevölkerungsgruppen auswirkt.
„In unserer Studie wollten wir die Vorstellung von ‚Narben im Gehirn‘ als deterministisches Ergebnis hinterfragen“, erklärt der Co-Studienleiter Dr. med. Christian Schmahl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, das zur Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg gehört sowie Teil des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG) ist. „Wir haben untersucht, ob durch Widrigkeiten bedingte Gehirnmuster eher ein Risiko als ein Schicksal widerspiegeln und ob ein veränderbares, mit Resilienz verbundenes Verhalten – körperliche Aktivität über die gesamte Lebensspanne hinweg – dazu beitragen könnte, individuelle Unterschiede darin zu erklären, wie sich Widrigkeiten in der Gehirnfunktion äußern.“
Die Forscher untersuchten 75 Erwachsene, die vor ihrem 18. Lebensjahr belastende Lebensumstände erlebt hatten. Sie nutzten die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) im Ruhezustand, um die funktionellen Verbindungsmuster von drei Schlüsselregionen zu untersuchen, die an der Stress- und Emotionsregulation beteiligt sind: die Amygdala, der Hippocampus und der vordere cinguläre Kortex.
Dabei zeigten sich deutliche Wechselwirkungen zwischen negativen Kindheitserfahrungen und der körperlichen Aktivität im Lebensverlauf in der Verbindung zwischen dem vorderen cingulären Kortex und der Amygdala. Besonders ausgeprägt waren diese Effekte in subkortikalen und zerebellären Regionen sowie in den visuellen Assoziations- und motorischen Arealen, die sich mit emotions- und sensomotorischen Systemen überlappen.
Die Studie zeigte außerdem: Über alle untersuchten Cluster hinweg gingen widrige Lebensumstände bei geringem Bewegungsniveau mit einer geringeren Konnektivität einher, bei höherem Bewegungsniveau jedoch mit einer erhöhten. Der Zusammenhang kehrte sich also abhängig vom Ausmaß der körperlichen Aktivität um. Das bedeutet, dass körperliche Aktivität beeinflusst, wie Widrigkeiten mit der Kommunikation zwischen verschiedenen Hirnregionen zusammenhängen. Besonders deutlich waren diese Effekte bei einem lebenslangen Bewegungsniveau, das den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 150 bis 390 Minuten pro Woche entspricht. Dies deutet darauf hin, dass es einen optimalen Bereich körperlicher Aktivität geben könnte, in dem sich neuronale Konfigurationen zur Unterstützung der Stressanpassung besonders günstig entwickeln.
Die Co-Studienleiterin Prof. Dr. Gabriele Ende, Leiterin Core Facility ZIPP am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit betont: „Wir hatten erwartet, dass körperliche Aktivität die durch Belastungen bedingte Konnektivität abschwächen könnte, waren jedoch überrascht von der Konsistenz des Crossover-Musters über mehrere Hirnregionen hinweg und von der ausgeprägten Beteiligung subkortikaler und zerebellärer Regionen. Das Kleinhirn wird traditionell mit motorischen Funktionen in Verbindung gebracht, doch immer mehr Belege stützen seine wichtige Rolle bei affektiven und stressbezogenen Prozessen.“
Angesichts der weltweit zunehmenden Belastung durch traumatische Erlebnisse infolge von Konflikten und Vertreibung besteht ein dringender Bedarf an leicht zugänglichen und kosteneffizienten Ansätzen zur Stärkung der Resilienz. Körperliche Aktivität ist ein veränderbarer Verhaltensfaktor, der in interdisziplinären Bereichen des Gesundheitswesens, darunter Psychiatrie, Psychologie, Primärversorgung und Pflege, gezielt gefördert werden kann.
Cameron S. Carter, MD, Chefredakteur von „Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging“ an der University of California Irvine School of Medicine, merkt an: „Diese Studie untersucht die körperliche Aktivität im Laufe des Lebens direkt als Moderator der durch Widrigkeiten bedingten Konnektivität im Gehirn, anstatt körperliche Aktivität als sekundäre Variable zu behandeln. Indem sie körperliche Aktivität als Regulator identifiziert, stützt diese Arbeit ein dynamischeres und potenziell umsetzbares Modell der Resilienz, das über traditionelle, auf Defizite fokussierte Sichtweisen auf Widrigkeiten hinausgeht. Die Charakterisierung von Störungen auf Netzwerkebene im Gehirn ist unerlässlich, um die durch Widrigkeiten bedingte neurologische Entwicklung aufzuklären und gezielte Interventionsstrategien zu entwickeln.“
Die Hauptautorin Lemye Zehirlioglu, Doktorandin an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, kommt zu folgendem Schluss: „Schwierigkeiten in der Kindheit können die Anfälligkeit erhöhen, müssen aber nicht den Lebensweg eines Menschen bestimmen. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass körperliche Aktivität über die gesamte Lebensspanne hinweg beeinflussen kann, wie sich Widrigkeiten in der Konnektivität des Gehirns widerspiegeln, was eine hoffnungsvollere und dynamischere Sichtweise auf Resilienz untermauert.“