Körperliche Aktivität in Therapie psychischer Erkrankungen integrieren
en-GBde-DEes-ESfr-FR

Körperliche Aktivität in Therapie psychischer Erkrankungen integrieren


Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Depression oder bipolarer Störung sterben im Durchschnitt zehn bis 20 Jahre früher als die Allgemeinbevölkerung. Hauptursachen dafür sind Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, die durch Bewegungsmangel ausgelöst oder gefördert werden. Nun fordert ein internationales wissenschaftliches Team unter Leitung der MedUni Wien, dass körperliche Aktivität als fester Bestandteil der psychiatrischen Behandlung verstanden wird, und beschreibt zudem konkrete Schritte, wie die Integration in der Praxis gelingen kann. Die Übersichtsarbeit ist aktuell im renommierten Fachmagazin JAMA Psychiatry erschienen.

In der von Brendon Stubbs (Comprehensive Centre for Clinical Neurosciences and Mental Health und Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien) geleiteten wissenschaftlichen Publikation werden Ergebnisse aus mehreren Hundert Studien und Meta-Analysen mit teilweise mehr als 10.000 teilnehmenden Patient:innen zusammengefasst. Die Wissenschafter:innen kommen zu dem Schluss, dass strukturierte Bewegung Verbesserungen bei Depressionen, psychotischen Symptomen, kognitiver Leistungsfähigkeit, Lebensqualität und kardiometabolischer Gesundheit bewirkt – dennoch ist eine systematische Integration in die psychiatrische Versorgung selten.

Bewegungsmangel als Symptom und Risikofaktor
Dabei verbringen etwa Menschen mit Schizophrenie im Durchschnitt beinahe zehn Stunden pro Tag sitzend – mehr als die meisten anderen Bevölkerungsgruppen. Weniger als 20 Prozent von ihnen erfüllen die Bewegungsempfehlungen der WHO von mindestens 150 Minuten moderater oder 75 Minuten intensiver körperlicher Aktivität pro Woche. Menschen mit Depression oder bipolarer Störung sind bis zu 50 Prozent seltener ausreichend aktiv als ihre jeweiligen Altersgenoss:innen. Diese Muster sind nicht nur ein Symptom der Erkrankung: Sie beschleunigen die Entstehung kardiometabolischer Störungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Sie verschlimmern entzündliche Reaktionen im Gehirn (Neuroinflammation), die die Kommunikation zwischen Nervenzellen stören und zu kognitiven Beeinträchtigungen führen können. Zudem verstärkt Bewegungsmangel psychiatrische Symptome in einem Teufelskreis.

Die biologischen Mechanismen dahinter werden in der Übersichtsarbeit erläutert: Bewegungsmangel stört das Stresshormonsystem (HPA-Achse), erhöht Entzündungsmarker wie C-reaktives Protein und Interleukin-6, beeinträchtigt Dopamin-Belohnungsschaltkreise, die u.a. mit Motivation verknüpft sind, und reduziert den Spiegel von BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor), einem Schlüsselprotein für Gehirngesundheit und Stimmung. Bewegung kehrt viele dieser Prozesse um. „Die Evidenz ist mittlerweile eindeutig: Körperliche Aktivität ist eine sichere und wirksame Therapie für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Eine psychiatrische Behandlung, in der keine Medikamente oder Psychotherapie angeboten werden, würden wir nicht akzeptieren. Es ist Zeit, denselben Standard auf Bewegung anzuwenden“, fordert Brendon Stubbs.

Wie die Integration von Bewegung in die psychiatrische Versorgung gelingen kann, wird in der Übersichtsarbeit anhand des sogenannten 5A-Modells (Ask, Assess, Advise, Assist, Arrange – Erfragen, Einschätzen, Empfehlen, Unterstützen, Nachbetreuen) beschrieben:
Es ermöglicht jeder Fachkraft im Bereich der psychischen Gesundheit, Inaktivität zu erfassen, die Bereitschaft zur Verhaltensänderung zu beurteilen, personalisierte Empfehlungen zu geben, die Motivation und Zielsetzung zu unterstützen sowie Verlaufskontrollen und Follow-up-Termine zu organisieren – alles innerhalb einer normalen klinischen Konsultation. Stubbs:
„Die drastisch verkürzte Lebenserwartung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen ist eine der schlimmsten Ungleichheiten in der modernen Medizin. Bewegung ist kein Allheilmittel, aber ein bewährtes, allgemein zugängliches und kosteneffektives Instrument, das wirklich helfen kann, diese Ungleichheit zu verringern.“
JAMA Psychiatry
Integrating Physical Activity Into Routine Psychiatric Care: A Review.
Brendon Stubbs, Ruimin Ma, Megan Teychenne, Florence Kinnafick, Nilufar Mossaheb, Nicole Korman, Mike Trott, Simon Rosenbaum, Felipe Schuch, Joseph Firth, Davy Vancampfort.
DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2026.0026
Archivos adjuntos
  • Körperliche Aktivität in Therapie psychischer Erkrankungen integrieren (Copyright (c) 2025 Inside Creative House/Shutterstock).
Regions: Europe, Austria, United Kingdom, North America, United States
Keywords: Health, Medical

Disclaimer: AlphaGalileo is not responsible for the accuracy of content posted to AlphaGalileo by contributing institutions or for the use of any information through the AlphaGalileo system.

Testimonios

We have used AlphaGalileo since its foundation but frankly we need it more than ever now to ensure our research news is heard across Europe, Asia and North America. As one of the UK’s leading research universities we want to continue to work with other outstanding researchers in Europe. AlphaGalileo helps us to continue to bring our research story to them and the rest of the world.
Peter Dunn, Director of Press and Media Relations at the University of Warwick
AlphaGalileo has helped us more than double our reach at SciDev.Net. The service has enabled our journalists around the world to reach the mainstream media with articles about the impact of science on people in low- and middle-income countries, leading to big increases in the number of SciDev.Net articles that have been republished.
Ben Deighton, SciDevNet
AlphaGalileo is a great source of global research news. I use it regularly.
Robert Lee Hotz, LA Times

Trabajamos en estrecha colaboración con...


  • e
  • The Research Council of Norway
  • SciDevNet
  • Swiss National Science Foundation
  • iesResearch
Copyright 2026 by DNN Corp Terms Of Use Privacy Statement