Kultbezirk im Herzen des römischen Nida wird weiter erforscht // Internationales Forschungsteam wirbt mehr als eine Million Euro zur Untersuchung des neu entdeckten römischen Heiligtums in Frankfurt ein
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Kultbezirk im Herzen des römischen Nida wird weiter erforscht // Internationales Forschungsteam wirbt mehr als eine Million Euro zur Untersuchung des neu entdeckten römischen Heiligtums in Frankfurt ein


FRANKFURT. Es ist ein weiterer Meilenstein für die Archäologie der Römerzeit in Hessen: Für die Auswertung der Grabungen in dem großen römischen Heiligtum auf dem Areal der antiken Stadt Nida (Frankfurt am Main-Heddernheim) haben die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Schweizerische Nationalfonds (SNF) zusammen mehr als eine Million Euro bewilligt. Damit erhalten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den nächsten drei Jahren die Gelegenheit, eine der herausragenden neuen archäologischen Entdeckungen auf dem Gebiet des römischen Germaniens umfassend zu erforschen.

Förderantrag länderübergreifend aus Frankfurt und Basel
Antragsteller des Projektes „Der zentrale Kultbezirk von Nida (Frankfurt a. M.-Heddernheim): interdisziplinäre Studien zu Raumgestaltung und Deponierungen“ sind das Archäologische Museum Frankfurt (Dr. Carsten Wenzel), das Institut für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt (Prof. Anja Klöckner (Klassische Archäologie), Prof. Markus Scholz (Archäologie und Geschichte der römischen Provinzen), Prof. Astrid Stobbe (Archäobotanik)) sowie das Institut für Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) der Universität Basel (Prof. Sabine Deschler-Erb (ⴕ), Dr. Barbara Stopp). Kooperationspartner sind das Denkmalamt der Stadt Frankfurt sowie die ebenfalls in Frankfurt ansässige Römisch-Germanische Kommission (RGK) des Deutschen Archäologischen Institutes. Das bewilligte Forschungsprojekt wurde heute bei einer Pressekonferenz im Archäologischen Museum der Stadt Frankfurt vorgestellt.

Dr. Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft, äußert sich folgendermaßen zu dem Projekt: „Der zentrale Kultbezirk von Nida ist ein archäologischer Befund von europaweit nahezu einzigartiger Bedeutung. Dadurch, dass er jetzt so umfangreich wissenschaftlich untersucht werden kann, wird sich Frankfurt in der internationalen Spitzenforschung weiter etablieren. Das Projekt zeigt beispielhaft, wie leistungsfähig unser Wissenschaftsstandort ist, wenn Museum, Universitäten, außeruniversitäre Forschungsinstitutionen und Denkmalpflege eng zusammenarbeiten und Forschung sichtbar in die Stadtgesellschaft tragen.“

Bauarbeiten für die neue „Römerstadtschule“ führen zur Entdeckung des römischen Kultbezirks
Entdeckt wurde der Kultbezirk von Nida bei Ausgrabungen des Denkmalamts in den Jahren 2016 bis 2018 und 2022 in der Frankfurter Nordweststadt. Im Rahmen des Neubaus der „Römerstadtschule“ wurde auf mehr als 4.500 Quadratmetern Fläche im Zentrum der römischen Stadt das von einer Mauer umgebene Areal freigelegt. Es konnte nahezu vollständig mit moderner Ausgrabungstechnik untersucht und dokumentiert werden; die Befunde sind zusammenhängend und beinahe ohne nachrömische Eingriffe erhalten.

„Der neu entdeckte Kultbezirk der römischen Stadt Nida ist eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen der vergangenen Jahre in Frankfurt. Die Förderung ermöglicht es, diesen außergewöhnlichen Fund nun wissenschaftlich gründlich zu erforschen und auszuwerten. Zugleich ist sie eine Anerkennung der kontinuierlichen und fachlich anspruchsvollen Arbeit unseres städtischen Denkmalamts – und ein gutes Beispiel dafür, wie Stadtentwicklung und Forschung in Frankfurt zusammenwirken. Dass diese Entdeckung im Zuge des Neubaus der Römerstadtschule möglich wurde, zeigt, wie sich Vergangenheit und Zukunft in unserer Stadt konkret verbinden“, sagte Marcus Gwechenberger, Dezernent für Planen und Wohnen.

Archäologische Zeugnisse römischer Kultpraxis
Der Kultbezirk umfasst elf Steinbauten, die in mehreren Phasen errichtet worden waren, sowie etwa 70 Schächte und zehn Gruben für (rituelle) Deponierungen. Die Gebäudegrundrisse sind ungewöhnlich; sie finden keinen Vergleich in den germanischen und gallischen Provinzen des Römischen Reiches. Mehr als 5.000 Fragmente von bemaltem Wandverputz sowie bronzene Beschläge von Türen und Fenstern belegen eine aufwändige architektonische Gestaltung der Gebäude.
In den Schächten und Gruben fanden sich neben zahlreichen Keramikgefäßen große Mengen an pflanzlichen und tierischen Überresten, darunter von Fischen und Vögeln. Dabei handelt es sich vermutlich um die Reste kultischer Mahlzeiten und Opferhandlungen für die Götter. Um diese im Detail auswerten zu können, wurden unter anderem 150 Proben für archäozoologische und archäobotanische Untersuchungen genommen.

Für das Verständnis der im Kultbezirk praktizierten Kult- und Opferhandlungen kommt der Auswertung der bei den Grabungen geborgenen 254 römischen Münzen und mehr als 70 zum Teil vollständig erhaltenen Gewandspangen (Fibeln) aus Silber und Bronze eine besondere Bedeutung zu. Derartige Funde sind vielerorts in römischen Heiligtümern als Weihe- und Votivgaben für die Götter gut belegt. Völlig ungewöhnlich sind hingegen die Hinweise auf mögliche Menschenopfer im Kultbezirk von Nida. Rückschlüsse auf die am Ort verehrten Gottheiten sind trotz der bemerkenswert guten Überlieferung und Erhaltung bislang nur eingeschränkt möglich. Durch Inschriften und bildliche Darstellungen bezeugt sind neben dem höchsten römischen Gott Jupiter der vor allem von Soldaten verehrte Jupiter Dolichenus, der Gott für Handel und Wirtschaft Mercurius Alatheus, die Naturgöttin Diana, der Heilgott Apollon und die keltisch-römische Fruchtbarkeitsgöttin Epona. Das lässt darauf schließen, dass es sich um ein überregional bedeutendes Heiligtum handelt, in dem mehrere Gottheiten nebeneinander verehrt wurden.
Nach derzeitigen Erkenntnissen wurde der Kultbezirk zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. angelegt. Die Weihinschrift eines Soldaten für Mercurius Alatheus vom 9. September 246 n. Chr. belegt, dass er zumindest bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. bestanden hat.

Interdisziplinäres Wissenschaftsteam ermöglicht umfassende Erforschung
Die Bewilligung dieses umfangreichen Forschungsprojektes unterstreicht die Bedeutung der archäologischen Forschung im Raum Frankfurt. Es ist ein gutes Beispiel für die Vernetzung der wissenschaftlichen Institutionen innerhalb der Rhein-Main-Region – untereinander sowie mit deren internationalen Partnerinstitutionen.
Die bewilligten Fördermittel eröffnen die einzigartige Chance, diesen überregional bedeutenden Komplex im Rahmen eines interdisziplinären Projektes umfassend aufzuarbeiten. Ausgehend von der Analyse der Raumgestaltung des Heiligtums und der Auswertung der Deponierungen sollen die vor Ort geübten rituellen Praktiken rekonstruiert werden. Auf diese Weise kann der Kultbezirk von Nida schließlich kulturhistorisch in die Sakrallandschaft der römischen Nordwestprovinzen eingeordnet werden. Am Projekt werden an den unterschiedlichen Institutionen fünf Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auf Doktoranden- bzw. Postdocstellen forschen.

Ein Jahr nach Vorstellung der „Frankfurter Silberinschrift“: die Erforschung von Nida geht in die nächste Phase
Die Grabungen des Denkmalamts erbringen seit Jahrzehnten bedeutende Erkenntnisse zur Siedlungsgeschichte und -topographie von Nida. Gut ein Jahr nach der Präsentation der „Frankfurter Silberinschrift“, des ältesten christlichen Schriftzeugnisses nördlich der Alpen, rückt die antike Stadt auf Frankfurter Boden somit erneut in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Nun hat das Forschungsteam die einmalige Gelegenheit, sich gemeinsam den römischen Religionen in Frankfurt am Main zu widmen und Tempel, Opfer und Ritual zu erforschen. Die hochwertigen, sehr gut erhaltenen Befunde unterstreichen die herausragende Bedeutung dieser Fundstätte für die Archäologie der Römerzeit in Deutschland: Von einem militärischen Knotenpunkt aus den 70er Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr. entwickelte sich Nida im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. zum wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Limesregion. Die Stadt zeichnete sich durch eine außergewöhnliche kulturelle Vielfalt aus und gehörte bis zu ihrer Aufgabe um 275/280 n. Chr. zu den bedeutendsten Siedlungen im römischen Germanien.
Archivos adjuntos
  • Die bislang jüngste Inschrift aus dem Stadtgebiet von Nida fand sich in einem Brunnen des Kultbezirks: Weihung eines Soldaten der in Mainz stationierten 22. Legion für den Gott Merkur Alatheus vom 9. September 246 n. Chr. (Foto: S. Martins / AMF).
  • Die Göttin aus dem Brunnen: Auf der Sohle des nach 249 n. Chr. verfüllten Brunnens im Kultbezirk von Nida fand sich unter anderem diese hochwertige Bronzestatuette der Göttin Diana. Die römische Göttin der Jagd hielt vermutlich in ihren Händen einen Bogen und eine Lanze (Foto: S. Martins / AMF).
  • Überreste eines Steinbaus mit Apsis (Kapelle?) während der Ausgrabung. Die Mauern der Gebäude wurden in der Neuzeit bis auf die Fundamente ausgebrochen; sichtbar sind nur noch die Ausbruchsgräben – ein für Nida typischer Befund (Foto: Denkmalamt Stadt Frankfurt).PM_
  • Zeugnisse vom Ende des Heiligtums? In einem Brunnen fand sich neben einer Statuette der Göttin Diana und einer auf den 9. September 246 n. Chr. datierten Weihinschrift für Merkur Alatheus auch ein menschliches Skelett. Münzen aus der Brunnenfüllung belegen, dass diese erst nach 249 n. Chr. entstanden sein kann (Foto: Denkmalamt Stadt Frankfurt).
  • Ein Adler für Jupiter: Bronzestatuette eines Adlers, der auf einem Blitz steht. Adler und Blitz sind Symbole für Jupiter, den höchsten römischen Gott. Die kleine Statuette konnte vermutlich auf eine (Kult-)Standarte aufgesteckt werden (Foto: Denkmalamt Stadt Frankfurt).
  • Die kleine Eisentafel in Form einer tabula ansata trägt eine Weihinschrift für den Gott Jupiter Dolichenus (IOVI / DOLICH / ENO – Dem Jupiter Dolichenus (geweiht)). Offensichtlich befand sich eine Kultstätte des Gottes auf dem Areal des Kultbezirkes von Nida (Foto: Th. Flügen / AMF).
  • Auch eine Gabe für die Götter? Fingerring aus Silber mit Gemme (2./3. Jahrhundert n. Chr.). Die Darstellung auf dem Schmuckstein ist bislang nicht eindeutig zu bestimmen (Foto: S. Martins / AMF).
  • Münzen gehörten offenbar zu den häufigsten Opfergaben, die Gläubige im Kultbezirk von Nida den römischen Göttern darbrachten. Oft finden sich auf den Rückseiten der Münzen wie bei dem im Jahr 88 n. Chr. zur Feier der ludi saeculares unter Kaiser Domitian (81-96 n. Chr.) geprägten As religiöse Darstellungen. Das Stück ist nicht nur außergewöhnlich gut erhalten, sondern auch äußerst selten. Es wurde vermutlich bewusst als Weihegabe ausgewählt (Foto: D. Bach, Winterbach).
  • Zwei von über 5.000 Fragmenten bemaltem Wandverputzes aus dem Kultbezirk. Figürliche Darstellungen wie diese sind nur wenige erhalten, Qualität und Farbgebung sind jedoch für das Limesgebiet ungewöhnlich (Foto: C. Wenzel / AMF).
  • Die zahlreichen (Kult-)Gruben im Kultbezirk von Nida überlagern sich teilweise. Sie wurden offensichtlich zu unterschiedlichen Zeitpunkten angelegt. Vermutlich wurden in ihnen die Überreste von Opferhandlungen und von Kultmahlzeiten vergraben (Foto: Denkmalamt Stadt Frankfurt).
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Keywords: Business, Universities & research, Humanities, Archaeology, Grants & new facilities, Public Dialogue - Humanities, Society, People in Society research

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