Die deutsche Einheit wird in Ostdeutschland heute anders kritisch gesehen als noch in den 1990er-Jahren. Damals war die Unzufriedenheit vor allem im linken politischen Spektrum verbreitet und eng mit sozialer Ungleichheit verbunden. Inzwischen ist die Kritik am rechten Rand besonders ausgeprägt. Das zeigt eine Studie der Politikwissenschaftler Noah Schulz und Prof. Dr. Conrad Ziller von der Universität Duisburg-Essen, die demnächst in der Politischen Vierteljahresschrift erscheint (Preprint hier).
Für ihre Untersuchung werteten die Forscher Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) aus. Sie betrachteten neun Befragungszeitpunkte zwischen 1991 und 2023. Gefragt wurde unter anderem, ob die Wiedervereinigung für die Menschen in den neuen Bundesländern mehr Vor- als Nachteile gebracht habe.
Deutlich verändert hat sich vor allem, wer die Einheit kritisch bewertet. 1991 waren politisch links eingestellte Ostdeutsche wesentlich skeptischer als Menschen, die sich rechts einordneten. Seitdem wurde ihre Bewertung nahezu kontinuierlich positiver. 2023 bewerteten rechte Befragte die Wiedervereinigung im Durchschnitt deutlich schlechter als linke Befragte (2,37 gegenüber 2,73 auf einer vierstufigen Zustimmungsskala). Erstmals war dieser Unterschied statistisch signifikant.
„In den 1990er-Jahren ging es bei der Kritik vor allem um soziale und wirtschaftliche Ungleichheit. Heute spielen am rechten Rand stärker Fragen von Identität und kultureller Zugehörigkeit eine Rolle“, fasst Noah Schulz zusammen.
Die AfD hat diesen Wandel allerdings nicht ausgelöst. Stärkere Kritik an beiden politischen Rändern lässt sich bereits um die Jahrtausendwende erkennen – lange vor ihrer Gründung. „Wir sehen keinen plötzlichen Bruch durch die AfD, sondern einen langfristigen Wandel. Die Partei hat eine bereits vorhandene Konfliktlinie aufgegriffen, zugespitzt und parteipolitisch gebunden“, so Prof. Dr. Conrad Ziller.
Auch die Einstellungen hinter der Kritik haben sich verändert. In den 1990er-Jahren und um die Jahrtausendwende spielte bei linken Befragten vor allem die Wahrnehmung sozialer Ungleichheit eine Rolle. Ab 2006 und besonders seit 2018 hängt die kritischere Bewertung am rechten Rand stärker mit migrationskritischen Einstellungen zusammen. 2023 zeigt sich zusätzlich ein Zusammenhang mit einer Präferenz für die AfD.
„Die Wiedervereinigung bleibt ein politisch aufgeladenes Thema. Die Gründe, aus denen sie kritisch bewertet wird, haben sich im Laufe der Zeit verschoben“, sagt Ziller. Insgesamt wird die Wiedervereinigung in Ostdeutschland heute aber positiver beurteilt als Anfang der 1990er-Jahre. Auf einer Skala von eins bis vier stieg die durchschnittliche Bewertung von 2,23 im Jahr 1991 auf 2,78 im Jahr 2018; 2023 lag sie bei 2,71.