Menschen entfalten ihr Potenzial besser, wenn ihr Bildungserfolg weniger stark von ihrer sozialen Herkunft abhängt. Davon profitieren nicht nur Einzelne, sondern auch Wirtschaft und Gesellschaft. Eine Studie unter Leitung von Forschenden der Universität Zürich (UZH) und des Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim zeigt für europäische Regionen, dass mehr Bildungsmobilität mit einer deutlich höheren Innovationsleistung einhergeht.
«Unsere Resultate unterstreichen, dass Investitionen in Chancengerechtigkeit nicht nur soziale, sondern auch wirtschaftliche Erträge bringen», sagt Patrick Lehnert, UZH-Professor für Personalökonomie. «Gerade Regionen mit geringer Mobilität verfügen über ein grosses, bislang ungenutztes Innovationspotenzial.»
Bessere Nutzung von Talenten
Die Forschenden erklären den Zusammenhang mit einer besseren Nutzung vorhandener Fähigkeiten und Talente. Entscheiden individuelle Kompetenzen stärker über Bildungs- und Berufswege als soziale Herkunft, steigt die Innovationsleistung einer Gesellschaft: «Wenn eine Kohorte ein arbeitsmarktrelevantes Alter erreicht, führt eine höhere Bildungsmobilität zu einem Anstieg der Patentanmeldungen um durchschnittlich rund elf Prozent», sagt Sarah McNamara vom ZEW Mannheim.
Die Ergebnisse stellen die weit verbreitete Annahme in Frage, wonach zwischen Chancengleichheit und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit ein Zielkonflikt bestehe. Vielmehr zeigen sie, dass gerechtere Bildungschancen einen wichtigen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg leisten können.
Regionale Unterschiede in der Bildungsmobilität
Die Studie dokumentiert auch erhebliche Unterschiede innerhalb Europas. Regionen mit geringer Bildungsmobilität weisen gleichzeitig eine hohe Bildungsungleichheit auf – ein Muster, das aus der Einkommensforschung als «Great-Gatsby-Curve» bekannt ist. Die Forschenden machen diesen Zusammenhang nun erstmals in Form einer «Great-Gatsby-Map» für Europa sichtbar.
Besonders niedrig ist die Bildungsmobilität in Teilen Süd- und Osteuropas. Nord- und Mitteleuropa weisen dagegen tendenziell geringere Ungleichheiten innerhalb und zwischen den Generationen auf. Gleichzeitig bestehen auch innerhalb einzelner Länder, beispielsweise Deutschland und Frankreich, deutliche regionale Unterschiede.
Bildungspolitik als Innovationspolitik
Die Analysen zeigen zudem, dass der Zusammenhang zwischen Bildungsmobilität und Innovation nicht überall gleich stark ausgeprägt ist. Besonders Regionen mit geringer Mobilität profitieren von Verbesserungen der Bildungschancen. Dort kann eine Öffnung der Bildungschancen einen überdurchschnittlichen Innovationsschub auslösen.
«Gemäss unseren Ergebnissen zählt nicht allein das durchschnittliche Bildungsniveau, sondern vor allem, wie gerecht Bildungschancen verteilt sind», resümiert Guido Neidhöfer vom ZEW Mannheim. «Wenn Menschen unabhängig von ihrer Herkunft Zugang zu hochwertiger Bildung haben, werden Talente besser genutzt und tragen stärker zum gesellschaftlichen und technologischen Fortschritt bei.» Die Forschenden sehen darin einen wichtigen Hinweis für die Bildungs- und Wirtschaftspolitik: Massnahmen, die Chancengleichheit fördern, können langfristig auch die Innovationskraft von Regionen stärken.
Neuer Datensatz für europäische Regionen
Grundlage der Studie ist der neu entwickelte Datensatz «EUROPE-IGM-ATLAS», an dessen Entwicklung Forschende der UZH und des ZEW Mannheim beteiligt waren. Er stellt erstmals jährliche Indikatoren zur intergenerationalen Bildungsmobilität für europäische Regionen im Zeitraum von 1985 bis 2025 bereit. Dafür kombinierten die Forschenden harmonisierte Mikrodaten des European Social Survey mit altersabhängigen Profilen der Arbeitsmarkt- und Innovationsteilnahme und verknüpften diese anschliessend mit regionalen Patentdaten des Europäischen Patentamts.
Literatur
Sarah McNamara, Guido Neidhöfer, Patrick Lehnert. Intergenerational Mobility Fosters Innovation in Europe. Nature. 8 July, 2026. DOI: 10.1038/s41586-026-10736-9