Kollision im All doch kein Beweis f¼r Dunkle Materie?
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Kollision im All doch kein Beweis f¼r Dunkle Materie?

19.06.2026 Universität Bonn

Studie unter Federführung der Universität Bonn legt neue Daten vor, die das gängige Modell in Frage stellen

Der so genannte Bullet-Cluster galt bislang als Beweis für die Existenz Dunkler Materie. Ein internationales Team von Forschenden hat nun neue Daten und aktuelle Bilder des James-Webb-Space-Teleskops (JWST) analysiert. Demnach sind die Beobachtungen auch mit einer Alternativ-Erklärung vereinbar, die ohne Dunkle Materie auskommt. Falls es letztere doch geben sollte, dann wohl in geringerer Menge als bislang postuliert. Die Ergebnisse erscheinen in der Fachzeitschrift Physical Review D.

Vor ungefähr 4 Milliarden Jahren kam es im All zu einer gewaltigen Kollision: Zwei Galaxien-Cluster - Zusammenballungen von Hunderten Galaxien - rasten mit mehr als 2.500 Kilometern pro Sekunde ineinander. Galaxien-Cluster enthalten viele Milliarden von Sternen. Der größte Teil ihrer sichtbaren Materie besteht jedoch aus interstellarem Gas. Während die beiden Gaswolken einander durchdrangen, wurden sie durch Reibungskräfte erheblich abgebremst und erhitzten sich zudem stark. Mit Röntgenteleskopen kann man die heißen Wolken von der Erde aus als zwei diffuse Flecken erkennen, die relativ nahe beieinander liegen.

Berühmtheit im All

Die Galaxien in beiden Clustern konnten einander dagegen ungehindert durchdringen: Der Abstand zwischen den einzelnen Sternen ist so groß, dass diese einfach aneinander vorbeifliegen. Die beiden Galaxienhaufen wurden also von dem interstellaren Gas, das sie mit sich führten, getrennt. Haufen 1 befindet sich heute links von der linken Gaswolke, Haufen 2 rechts von der rechten. Zusammen bilden diese vier Strukturen den sogenannten Bullet-Cluster. Er hat es bei Astrophysikern zu einigem Ruhm gebracht, gilt er doch als schlagender Beweis für die Existenz Dunkler Materie.

Wenn man sich Bilder der Formation genau anschaut, stellt man fest, dass Galaxien, die hinter dem Bullet-Cluster liegen, sichelförmig verzerrt sind. Grund ist der Gravitationslinsen-Effekt. Darunter versteht man das von Albert Einstein vorhergesagte Phänomen, dass große Massen das Licht ablenken. Erstaunlicherweise ist diese Ablenkung aber nicht etwa im Bereich der beiden leuchtenden Materiewolken besonders groß - also dort, wo sich am meisten Masse konzentrieren sollte. Stattdessen üben die Galaxienhaufen rechts und links davon trotz ihrer geringeren Masse einen deutlich stärkeren Linsen-Effekt aus. Dort scheint sich also noch weitere Materie zu verstecken, die wir nicht sehen können.

„Diese Beobachtung wurde bislang als Beweis für die Existenz Dunkler Materie gewertet“, erklärt Prof. Dr. Pavel Kroupa vom Helmholtz-Institut für Strahlen- und Kernphysik der Universität Bonn, Mitglied in den Transdisziplinären Forschungsbereichen „Modelling“ und „Matter“. Denn Dunkle Materie übt zwar laut der gängigen Theorie Gravitationskräfte aus, interagiert sonst aber nicht mit normaler Materie. Sie wird also - anders als die Gaswolken - nicht durch Reibung abgebremst und trennt sich daher auch nicht von der sichtbaren Materie in den Galaxienhaufen.

Alternativtheorie kann die Beobachtungen ebenfalls erklären

Der direkte Nachweis, dass es Dunkle Materie gibt, steht jedoch bis heute aus. Der israelische Physiker Prof. Dr. Mordehai Milgrom hat bereits vor vier Jahrzehnten eine alternative Hypothese vorgeschlagen, die ohne Dunkle Materie auskommt - die „Modifizierte Newton'sche Dynamik“ (Abkürzung: MOND). Sie gilt jedoch bislang als Außenseiter-Theorie – größtenteils auch deshalb, weil man bislang annahm, dass sie die Beobachtungen im Bullet-Cluster nicht erklären kann.

„Wir zeigen jedoch in unserer Studie, dass der Bullet-Cluster im Gegenteil gerade besonders gut mit dem MOND-Szenario vereinbar ist“, sagt Kroupas Mitarbeiter Dong Zhang, der einen großen Teil der Berechnungen durchgeführt hat. Denn neue Daten des James-Webb-Space-Teleskops erlauben eine genauere und bessere Berechnung der Sternenzahl in beiden Haufen. Außerdem ist heute bekannt, dass es im Bullet-Cluster sehr viele schwere Elemente wie Eisen oder Sauerstoff gibt. Diese werden bei den Fusionsprozessen in Sternen „erbrütet“ - allerdings nur, wenn diese Sterne sehr massereich sind. „Wenn massereiche Sterne irgendwann einmal verglühen, werden sie zu Neutronensternen oder Schwarzen Löchern“, erklärt Zhang. „Beide sind - wie Dunkle Materie - unsichtbar und lassen sich ausschließlich durch die riesigen Gravitationskräfte nachweisen, die von ihnen ausgehen.“

Nur halb soviel Dunkle Materie - oder gar keine?

Co-Autor Dr. Indranil Banik (University of Portsmouth) konnte zeigen, dass sich der beobachtete Gravitationslinsen-Effekt durch die neu berechnete Menge von sichtbaren Sternen, Neutronensternen und Schwarzen Löchern erklären lässt. „Die Überbleibsel massereicher Sterne übernehmen im MOND-Szenario gewissermaßen die Rolle der Dunklen Materie“, sagt Kroupa. „Und auch im Standardmodell, das von der Existenz Dunkler Materie ausgeht, müsste man ihre postulierte Menge nun deutlich reduzieren - ungefähr auf die Hälfte.“

Der Bonner Physik-Professor ist davon überzeugt, dass die aktuelle Studie das MOND-Szenario noch ein großes Stück plausibler macht.

Beteiligte Institutionen und Förderung:

An der Studie waren die Universitäten Bonn, Portsmouth (UK), Yonsei (Seoul), Prag (Tschechische Republik), Wuppertal und Nanjing (China) sowie Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler des Institute for Advanced Studies in Basic Sciences (IASBS) in Zanjan (Iran) und des Institute for Research in Fundamental Sciences (IPM) in Tehran (Iran) beteiligt. Die Arbeiten wurden durch das China Scholarship Council, ein Royal Society University Research Fellowship, die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Czech Grant Agency, den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) sowie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert.

Publikation: Dong Zhang et. al.: Baryonic mass budgets in the central regions of the Bullet Cluster and their consistency with strong lensing in MOND; Physical Review D; DOI: https://doi.org/10.1103/6zrp-q7c4, arXiv: https://arxiv.org/abs/2606.19454
Angehängte Dokumente
  • Aufnahme des James-Webb-Space-Teleskops von der inneren Region des Bullet Clusters. Rosa zeigt das heiße Gas, die Verteilung der Dunklen Materie ist blau dargestellt. Laut neuer Studie würden Neutronensterne und Schwarze Löcher den Gravitationslinsen-Effekt erklären. Image: NASA, ESA, CSA, STScI, CXC; Science: James Jee (Yonsei University, UC Davis), Sangjun Cha (Yonsei University), Kyle Finner (Caltech/IPAC)
19.06.2026 Universität Bonn
Regions: Europe, Germany, United Kingdom, Czech Republic, Asia, China, South Korea, Middle East, Iran
Keywords: Science, Space Science

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