Soziale Medien & soziale Gruppen: Gruppenzugehörigkeit schlägt Argumente
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Soziale Medien & soziale Gruppen: Gruppenzugehörigkeit schlägt Argumente


Wer sich einer Gruppe zugehörig fühlt, schenkt deren Aussagen mehr Glauben – selbst dann, wenn die Gruppe mit dem diskutierten Thema gar nichts zu tun hat. Das zeigt eine neue Studie des Kommunikationswissenschaftlers Prof. Dr. Wolfgang Schweiger von der Universität Hohenheim in Stuttgart. Allerdings tritt dieser Effekt nicht automatisch auf: Entscheidend ist, wie stark die eigene Gruppe im Feed vertreten ist und wie intensiv sich Nutzer:innen mit einem Thema beschäftigen.

Ob Umweltgruppe, Tempolimit-Gegner oder LGBTQ-Community: Menschen vertrauen Beiträgen aus Gruppen, mit denen sie sich identifizieren, deutlich stärker als Beiträgen von Gruppen, von denen sie sich abgrenzen. „Für die politische Meinungsbildung kann das weitreichende Folgen haben“, erklärt Prof. Dr. Schweiger. „Denn die Glaubwürdigkeit einer Aussage hängt in sozialen Medien oft weniger vom Argument selbst ab als davon, wer es äußert.“


Mehrheit der eigenen Gruppe macht den Unterschied

Für die Studie führte das Forschungsteam ein Online-Experiment durch. Die 197 repräsentativ ausgewählten Teilnehmenden wählten zunächst aus acht fiktiven Facebook-Gruppen eine aus, mit der sie sich besonders identifizierten, sowie eine weitere, von der sie sich bewusst distanzierten. Anschließend sahen sie einen Facebook-Feed mit sechs Meinungsbeiträgen zu einem fiktiven politischen Thema: einem Steuermodell zur Förderung des stationären Einzelhandels gegenüber dem Online-Handel.

Dabei variierte das Experiment, wie stark die eigene Gruppe im Feed vertreten war. Mal stammten vier der sechs Beiträge aus der als positiv wahrgenommenen Gruppe, mal nur zwei.

Das Ergebnis: Die Teilnehmenden lasen Beiträge der eigenen und der fremden Gruppe gleichermaßen aufmerksam. Dennoch hielten sie die Aussagen der eigenen Gruppe für deutlich glaubwürdiger.


Einfluss nur unter zwei Bedingungen

Ob die Beiträge der eigenen Gruppe tatsächlich die politische Meinung beeinflussen, hängt jedoch von zwei Voraussetzungen ab.

Erstens muss die eigene Gruppe im Feed die Mehrheit bilden. Ist sie nur in der Minderheit vertreten, lässt sich kein entsprechender Effekt nachweisen. Zweitens zeigt sich der Einfluss vor allem bei Personen, die sich nur wenig für das behandelte Thema interessierten. Wer sich intensiver damit beschäftigt, bleibt von den Gruppeneffekten weitgehend unbeeinflusst.

Bemerkenswert ist dabei: Ob die Gruppe einen inhaltlichen Bezug zum diskutierten Politikfeld hat, spielt keine Rolle. Wer sich etwa einer Umweltschutzgruppe zugehörig fühlt, kann von Posts aus dieser Gruppe auch bei steuerpolitischen Fragen beeinflusst werden – sofern die genannten Bedingungen erfüllt sind.


Das bessere Argument überzeugt … nicht mehr unbedingt

Die Ergebnisse werfen Fragen nach der Qualität politischer Meinungsbildung in sozialen Medien auf. „Wenn Menschen politische Inhalte übernehmen, weil sie von der eigenen Gruppe kommen – und nicht, weil die Argumente überzeugend sind –, wird ein Kernversprechen demokratischer Diskussion geschwächt: dass sich das bessere Argument im freien Austausch durchsetzt“, gibt Prof. Dr. Schweiger zu bedenken.

Plattformen wie Instagram, TikTok oder Facebook bevorzugen in personalisierten Feeds häufig Inhalte von Personen und Gruppen, mit denen Nutzer:innen bereits verbunden sind. „Damit schaffen sie genau diese ungünstigen Bedingungen – besonders für diejenigen, die Nachrichten beiläufig konsumieren, ohne sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen.“ Dabei brauche es keine abgeschlossenen Filterblasen, um politische Einstellungen zu beeinflussen. „Es genügt, wenn Menschen überwiegend mit Stimmen konfrontiert werden, denen sie sich sozial verbunden fühlen.“


Vielfalt im Feed führt nicht zwangsläufig zu mehr Polarisierung

Die Studie liefert zugleich eine ermutigende Erkenntnis: Die Konfrontation mit Gegenpositionen führt nicht dazu, dass bestehende Meinungen zusätzlich verstärkt werden – zumindest nicht, solange die Argumente sachlich bleiben. Meinungsvielfalt im Feed führt also nicht zwingend zu stärker verhärteten politischen Gräben.


Publikation
Schweiger, W. (2026): Social Influence on Social Media. How Majority and In-/Outgroup Opinions on Personal Newsfeeds Impact Opinion Formation on New Issues. Studies in Communication and Media, 15(2). https://doi.org/10.5771/2192-4007-008


Zu den Pressemitteilungen der Universität Hohenheim
Regions: Europe, Germany
Keywords: Society, Politics, Business, Culture, media & publishing

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