Ein Forschungsteam der TU Graz und des Complexity Science Hubs zeigt anhand von Schulfreundschaften und Eheschließungen, nach welchem unbewussten Prinzip wir soziale Beziehungen eingehen.
Unsere persönliche Identität setzt sich aus vielen Dimensionen zusammen wie Alter, Geschlecht, ethnische Herkunft oder sozioökonomischer Status. Ein Forschungsteam um Fariba Karimi vom Institute of Human-Centred Computing der TU Graz und Samuel Martin-Gutierrez vom Complexity Science Hub hat das statistische Computermodell „MAPS“ entwickelt, um den Einfluss dieser Faktoren auf unsere sozialen Beziehungen zu berechnen. Eine auf MAPS gestützte Analyse von Highschool-Freundschaften und Eheschließungen in den USA haben die Forschenden kürzlich im Fachjournal Communications Physics veröffentlicht.
Außerordentlich wählerisch
Die Untersuchung zeigt, dass wir Menschen außerordentlich wählerisch sind: „Sowohl bei der Wahl von Schulfreundschaften als auch bei der Wahl von Ehepartner*innen beurteilen wir sämtliche Identitätsmerkmale anderer Menschen. Und nur wenn wir alle Merkmale positiv bewerten, gehen wir soziale Beziehungen ein“, sagt Samuel Martin-Gutierrez. Falle auch nur eine einzige Bewertung eines Identitätsmerkmals negativ aus, komme eine Beziehung trotz anderer starker Gemeinsamkeiten oftmals nicht zustande. „Dieses wählerische Verhalten erklärt die Tendenz zur Entstehung von stark isolierten, homogenen Gruppen in unserer Gesellschaft“, sagt Fariba Karimi, die den Arbeitsbereich Computational Social Science am Institute of Human-Centred Computing leitet und zudem Faculty-Mitglied des Complexity Science Hub ist.
Heiratsdaten der 50 größten US-Städte
Die Forschenden validierten ihr Modell MAPS mit Daten der Add-Health-Studie zu Freundschaftsnetzwerken von insgesamt 41.800 Highschool-Schüler*innen sowie den Heiratsdatenbanken der 50 größten Städte in den USA. Bei den Schul-Freundschaften erwiesen sich die Schulstufe und die ethnische Zugehörigkeit als die wichtigsten Treiber für langfristige Verbindungen. Bei den Heiratsdaten waren Alter, Geschlecht und ethnische Herkunft maßgeblich entscheidend, um die beobachteten Eheschließungen mathematisch richtig abzubilden.
Begegnungsmöglichleiten verbessern
„Die Kenntnis darüber, nach welchen Prinzipien Menschen soziale Beziehungen eingehen, ist wichtig, um soziale Dynamiken zu verstehen und gesellschaftlicher Spaltung gezielt entgegenzuwirken“ sagt Fariba Karimi. Wenn Städte die Begegnungsmöglichkeiten unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen verbessern und Kinder aus unterschiedlichen Milieus gemeinsam in die Schule gehen, lässt sich die Wahrscheinlichkeit für Beziehungen über soziale Grenzen hinweg systematisch erhöhen.
Publikation:
A simple preference aggregation rule explains how multidimensional identities shape social networks
Autor*innen: Samuel Martin-Gutierrez, Mauritz N. Cartier van Dissel & Fariba Karimi
In: Communications Physics 9, 142 (2026)
DOI: https://doi.org/10.1038/s42005-026-02537-3