FRANKFURT. Wie erleben Wissenschaftler*innen mit Migrationshintergrund, Behinderungen oder aus LGBTQ+-Communities ihre Karrierewege? Welche Strukturen begünstigen oder behindern ihre Teilhabe? Antworten auf diese Fragen fehlen – im Gegensatz zu Ländern wie Kanada, wo Diversity-Monitoring längst Standard ist. Während auf Geschlechterungleichheiten in Hochschule und Wissenschaft datenbasiert mit gezielten Maßnahmen reagiert werden kann, liegt die Erfassung anderer Diversitätsdimensionen im Wissenschaftssystem des deutschsprachigen Raums noch im Dunkeln. Es gibt bisher nur wenig erprobte Instrumente zur Erfassung von Diversität und Diskriminierung im Wissenschaftsbereich. Andererseits gewinnt das Thema in der wissenschaftlichen Diskussion und auch in der Forschungsförderung zunehmend an Bedeutung.
Die Goethe-Universität hat nun mit einer internen Studie erstmals systematisch Daten zu Diversität, Diskriminierung und Karrierebedingungen von Wissenschaftler*innen erhoben. Die Ergebnisse sollen helfen, die universitären Diversity-Policies bedarfsgerecht weiterzuentwickeln. Die Erhebung stieß auf großes Interesse unter Fachleuten und kann Vorbild für andere Hochschulen sein.
„Die Goethe-Universität will Vorreiterin sein für Chancengerechtigkeit und Vielfalt – nicht nur, weil wir es für unsere Pflicht halten, faire und transparente Arbeits- und Karrierebedingungen für alle Wissenschaftler*innen zu gewährleisten, sondern auch, weil unsere Wissenschaft dann besser wird. Wir brauchen alle Menschen und die Vielfalt von Perspektiven, um innovative und kreative Forschung zu leisten, und können es uns nicht erlauben, dass klugen Köpfen Hindernisse in den Weg gelegt werden“, erläutert Universitätspräsident Prof. Dr. Enrico Schleiff. „Mit der Erhebung schaffen wir eine belastbare Grundlage dafür, wie wir solche Hindernisse besser beseitigen und Chancengerechtigkeit gezielter fördern können.“
„Eine wichtige Rückmeldung ist, dass die Wissenschaftler*innen die bisherigen Anstrengungen der Universität in Sachen Diversität und Diskriminierungsschutz ausdrücklich wertschätzen und mit ihrer Arbeitssituation insgesamt zufrieden sind. Zugleich geben Sie uns konkrete Hinweise, was wir verbessern können, um Diskriminierung noch wirksamer zu verhindern“, sagt Prof. Dr. Sabine Andresen, Vizepräsidentin für Chancen, Karriereentwicklung, Karriereförderung, Diversität und Gleichstellung. „Wichtig sind etwa mehr Wissen und Sensibilisierung – denn nur wer Benachteiligungen erkennt, kann sie auch benennen und bekämpfen. Auch eine weitere Stärkung der Unterstützungsangebote und klare Anlaufstellen sind wichtig sowie deutliche Regeln und Grenzen: Wer diskriminiert, soll Konsequenzen erfahren. Und besonders wichtig sind den Befragten, nachhaltige Strukturen und verlässliche Verfahrenswege. Das nehmen wir mit, daran werden wir weiter arbeiten.“
An der Erhebung nahmen im Herbst 2023 insgesamt 726 Wissenschaftler*innen der Goethe-Universität aus allen Fachbereichen teil. Davon sind 72% wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und Lehrkräfte für besondere Aufgaben, 18% Professor*innen, 9% Stipendiat*innen, Promovierende und Habilitand*innen ohne Beschäftigungsverhältnis an der Goethe-Universität sowie 1% Lehrbeauftragte.
Die Ergebnisse werden im Rahmen des Diversity-Tags der Goethe-Universität am 19. Mai 2026 vorgestellt und mit den Hochschulangehörigen diskutiert. Es liegen ein Erhebungsbericht sowie eine Zusammenfassung vor.
Zentrale Einsichten sind:
Hohe Zufriedenheit mit der Arbeitssituation
Die Mehrheit der Wissenschaftler*innen bewertet ihre Arbeitssituation und das Arbeitsumfeld ausgesprochen positiv. Besonders hervorgehoben werden die Freude an Forschung und Lehre, das selbstbestimmte Arbeiten sowie das engagierte Verhältnis zu Studierenden. Die inhaltliche Gestaltungsfreiheit und der Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt sind ein klares Plus der Arbeit in Forschung und Lehre an der Goethe-Universität.
Eigenverantwortung und Begeisterung ersetzen nicht ein systematisches Onboarding
Deutlich wurde aber auch, dass bei aller Eigenverantwortung und hohen intrinsischen Motivation, die die Wissenschaftler*innen meist mitbringen, ein systematisches, nicht nur von der Hilfsbereitschaft Einzelner abhängendes „Onboarding“ zur positiven Karriereentwicklung und langfristigen Zufriedenheit mit der Arbeitssituation enorm beitragen kann. Hier sehen die Teilnehmenden an der Studie Entwicklungspotenzial für die Goethe-Universität.
Wissen, Sensibilisierung und klare Verfahrenswege stärken Diversität und helfen gegen Diskriminierung
Die Studie der Goethe-Universität zeichnet ein doppeltes Bild: Einerseits zeigt sie die reichen Lebensrealitäten ihrer Wissenschaftler*innen – von unterschiedlichen Hintergründen über verschiedene Karrierewege bis hin zu vielfältigen Perspektiven. Andererseits wird deutlich: Auch eine weltoffene Institution wie die Goethe-Universität ist kein diskriminierungsfreier Raum. Als großes Organisationsgefüge in der Mitte der Gesellschaft spiegelt sie gesellschaftliche Ungleichheiten wider – und muss daher kontinuierlich daran arbeiten, faire Arbeits- und Karrierebedingungen für alle zu schaffen.
Regions: Europe, Germany, North America, Canada
Keywords: Business, Universities & research, Recruitment