Die WHO hat den Gesundheitsnotstand, der mit der COVID-19 Pandemie verbunden war, im Jahr 2023 für beendet erklärt, da die meisten Personen aufgrund von Impfung und/oder Infektion einen Immunschutz gegen das Virus aufgebaut hatten. Das Virus hat aber auch nach 2023 ständig neue Varianten hervorgebracht, die sich der Antikörperantwort entzogen und weltweit ausgebreitet haben. Dieses Muster könnte sich nun nachhaltig verändern. Infektionsforscher*innen am Deutschen Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen haben herausgefunden, dass die zuletzt dominierenden Varianten nicht durch eine neue, sich rasch weltweit ausbreitende Variante ersetzt werden. Stattdessen breitet sich eine ungewöhnlich Variante relativ langsam aus, BA.3.2. Diese Variante ist nicht in allen Ländern erfolgreich, infiziert allerdings häufig Kinder. Diese Beobachtungen weisen darauf hin, dass sich durch Impfung und Infektionen eine komplexe Immunität aufgebaut haben könnte, die neue Varianten nur schwer durchbrechen können.
Ein neues Muster: Vom schnellen Austausch zur parallelen Ausbreitung
Seit dem Jahr 2020 haben sich neue SARS-CoV-2-Varianten in schneller Folge entwickelt, die jeweils die vorherigen dominierenden Stämme ablösten. Doch diese Dynamik könnte sich nun ändern. Die zuletzt dominierenden Varianten NB.1.8.1 und XFG wurden nicht, wie erwartet, von einer neuen, global dominierenden Variante abgelöst. Stattdessen breitet sich die Variante BA.3.2, auch als „Zikade" bezeichnet, langsam aber kontinuierlich aus.
BA.3.2, die erstmals im November 2024 in Südafrika nachgewiesen wurde, zeichnet sich durch ungewöhnliche Eigenschaften aus: Im Gegensatz zu früheren Varianten breitet sie sich parallel zu existierenden Varianten aus. In einigen europäischen Ländern sowie in bestimmten Bundesstaaten Australiens hat sie eine dominante Rolle eingenommen, während sie in anderen Regionen weniger erfolgreich ist.
Was bedeutet das für die Pandemie?
Die Beobachtungen der Forschenden deuten auf einen bedeutenden Wandel hin: Erstmals könnte eine erfolgreiche Variante nicht von einer neuen, global dominierenden Variante abgelöst werden, stattdessen zirkulieren mehrere Varianten gleichzeitig. „Dies könnte darauf hindeuten, dass der Immunschutz, der durch Impfungen und vorherige Infektionen entstanden ist, nur schwer von neuen Varianten überwunden werden kann“, erklärt Stefan Pöhlmann, Hauptautor der Studie. „Die parallele Ausbreitung mehrerer Varianten könnte darauf hindeuten, dass das Infektionsgeschehen in eine endemische Phase übergeht - also in ein dauerhaftes Vorkommen des Virus in der Bevölkerung, bei dem keine weltweit gleichzeitig auftretenden Infektionswellen mehr zu erwarten sind, sondern eher regionale und zeitlich versetzte Ausbrüche.“
Eine unerwartete Beobachtung: Kinder als häufigere Infektionsfälle
Ein Vergleich der relativen Infektionsfrequenz verschiedener Altersgruppen durch aktuell zirkulierende SARS-CoV-2 Varianten zeigte, dass BA.3.2 Kleinkinder deutlich häufiger infiziert als die anderen Varianten. In Schottland und England, wo sich die Variante stark ausgebreitet hat, wurde ein Anstieg der COVID-19-Fälle bei Kindern verzeichnet – bei älteren Personen hingegen blieben die Fallzahlen stabil. Die Gründe für diese ungewöhnliche Präferenz sind bisher unbekannt.
Die Bedeutung der Studie
Die Ergebnisse von Lu Zhang, Markus Hoffmann und Stefan Pöhlmann am Deutschen Primatenzentrum werfen ein neues Licht auf die Dynamik der COVID-19-Pandemie. Sie legen nahe, dass die globale Immunität, die durch Impfungen und vorherige Infektionen entstanden ist, von neuen Varianten nur noch eingeschränkt durchbrochen werden kann.
Diese Ergebnisse und die Einschätzung ihrer Bedeutung durch die Forschenden wurde in der internationalen Fachzeitschrift The Lancet Infectious Diseases im Rahmen eines Kommentarartikels veröffentlicht.