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Publication Announcement

Innovative Methoden zur Erforschung der „Secondos“ und zur Bekämpfung von Stereotypen

03 January 2018 Swiss National Centre of Competence in Research LIVES

Die Schweiz ist ein Einwanderungsland. Seit Generationen strömen Menschen aus den unterschiedlichsten Staaten und sozialen Schichten in unser Land. In der Genferseeregion sind immerhin 40 Prozent der Bevölkerung ausländischer Herkunft, wenn man als Kriterium die Nationalität der Eltern oder Grosseltern heranzieht. Die aktuelle wie auch die künftige Situation der „Secondos“ ist somit von fundamentalem Interesse: „Ihre Entwicklung wird stark dadurch beeinflusst, wie die Zugewanderten der ersten Generation aufgenommen werden“, so Claudio Bolzman, der als Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit Genf (HETS / HES-SO) tätig ist. Zusammen mit Laura Bernardi und Jean-Marie Le Goff von der Universität Lausanne hat er dieses Werk herausgegeben.

Aus Sicht der Integrationsforschung bilden die zweiten Generationen besonders aufschlussreiche Bevölkerungsgruppen, da sie sich sehr gut für eine Längsschnittstudie eignen, bei der eine bestimmte Stichprobe von Menschen wiederholt über einen langen Zeitraum beobachtet wird. Dabei interessieren sich die Forscher im Rahmen einer retrospektiven Untersuchung dafür, wie das Leben der Eltern oder Grosseltern im Herkunftsland verlaufen ist, verfolgen aber auch den Lebensverlauf ihrer Kinder und Enkel im Aufnahmeland. Trotz der grossen Zahl an Zugewanderten der zweiten Generation haben die Forscherinnen und Forscher des NFS LIVES festgestellt, dass die bestehenden Studien vielfach auf unvollständigen Beschreibungen und ungeeigneten methodischen Ansätzen beruhen.

Definieren, über was und wen gesprochen wird

Entscheidend für eine systematische Untersuchung der Secondos, die häufig mit einer sehr hartnäckigen Stereotypisierung zu kämpfen haben, ist die Methodik. Claudio Bolzman kritisiert, dass nie wirklich klar ist, über was und wen gesprochen – und noch weniger, was eigentlich verglichen wird: „So heisst es in den französischen Medien häufig, aus den Maghreb-Staaten stammende Personen integrierten sich schlecht. Über all jene, die erfolgreich sind, wird allerdings meist nicht berichtet.“ Die Autoren stellen in ihrem Werk Instrumente vor, die geeignet sind, diese Bevölkerungsgruppen nicht nur im Schweizer, sondern auch im europäischen, afrikanischen und nordamerikanischen Kontext zu verstehen. So lassen sich alle darin beschriebenen Methoden auf andere Migrationskontexte übertragen.

Um die in zweiter Generation in der Schweiz lebenden Zugewanderten angemessen untersuchen zu können, müssen die Merkmale der zu erforschenden Bevölkerungsgruppen aus Sicht der Autoren zunächst einmal korrekt vordefiniert werden. Laut Claudio Bolzman „tendieren die Studien dazu, sich auf die jeweilige nationale Herkunft zu konzentrieren. Dabei müsste man viel mehr in die Tiefe gehen.“ Die gesellschaftliche Rolle, die lokale Verankerung in einem Quartier sowie die betroffene Generation stellen Schlüsselfaktoren dar. Aber auch Vergleichskriterien sind sehr wichtig. „Es muss definiert werden, was verglichen wird. Nur so lässt sich die Frage beantworten, warum innerhalb derselben Gruppe manche erfolgreich sind und andere nicht“, erklärt er.

Vergleichen, was sich vergleichen lässt

Die Autoren möchten zum Verständnis jener Weichenstellungen und Übergänge beitragen, die darüber entscheiden, ob sich ein Lebensverlauf zur einen oder anderen Seite neigt. So werden beispielsweise im Kapitel von Andrés Guarin und Emmanuel Rousseaux die Faktoren ermittelt, die Einfluss auf die Arbeitslosigkeit beziehungsweise den Zugang zum Erwerbsleben von Secondos unterschiedlicher Herkunft in der Schweiz haben. Es stützt sich auf einen Längsschnittansatz und nutzt Data Mining, eine Analysetechnik aus der Grundlagenforschung, um die Variablen zu vertiefen und zu kontrollieren.

Menschen mit Migrationshintergrund sind in hochqualifizierten Berufen ebenso unterrepräsentiert wie in gering qualifizierten Tätigkeitsbereichen. Guarin und Rousseaux folgern daraus, dass es unangemessen sei, Zugewanderte der zweiten Generation mit der Schweizer Gesamtbevölkerung zu vergleichen, da sie nicht in dieselben gesellschaftlichen Gruppen eingeordnet werden können. Entsprechend haben sie die von ihnen ausgewählte Kohorte von Secondos mit Menschen derselben sozioprofessionellen Kategorien verglichen. Durch diesen Ansatz konnten die Forscher nachweisen, dass das Bildungsniveau der Eltern enormen Einfluss auf das Risiko einer möglichen Arbeitslosigkeit beziehungsweise den beruflichen Erfolg der eigenen Kinder hat. Ihr Artikel unterstreicht zudem, dass Vorurteile bezüglich der nationalen oder ethnischen Herkunft den Zugang zum Erwerbsleben erschweren.

Ansätze miteinander verbinden

Durch die Kombination quantitativer und qualitativer Analysemethoden lässt sich ein klarerer und detaillierterer Überblick über die verschiedenen Lebenssituationen gewinnen. Andrés Gomensoro und Raúl Burgos Paredes schlagen daher vor, das Instrument des „Lebenskalenders“ mit einem personalisierten Gespräch zu verbinden, um quantitative tatsachenbasierte Informationen mit subjektiven qualitativen Informationen zu kombinieren. Ziel ist es, „gesellschaftliche Phänomene aufzudecken, die durch statistische Analysen bisher nicht erfasst worden sind“, erklärt Claudio Bolzman.

Diese beiden Ansätze werden an albanischsprachigen Zugewanderten getestet, die demnächst die Volljährigkeit erreichen. Sie bilden eine der am meisten stigmatisierten Bevölkerungsgruppen der Schweiz und haben nach wie vor Probleme beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Die Autoren wollten herausfinden, was innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe den Unterschied ausmacht. Sie fanden heraus, dass in den meisten Erfolgsfällen bestimmte soziale oder institutionelle Ressourcen vorhanden waren – wie etwa ein besonders engagierter Lehrer, einflussreiche Personen im Familien- oder Freundeskreis, ein gut funktionierendes Quartier oder besondere kantonale Bestimmungen.

Grenzen überwinden

Die Berücksichtigung des transnationalen Charakters der Gesellschaft ist ein weiterer methodischer Aspekt, der besonders relevant ist. Gesellschaften werden immer noch viel zu oft unter Bezugnahme auf den Staat definiert, also in Abhängigkeit vom politischen und institutionellen Kontext eines Landes. Dabei ist das Leben vieler Menschen durch nahe Verwandte im Ausland und die häufige Nutzung des Internets längst nicht mehr so stark durch Grenzen bestimmt wie früher.

Zudem wirken sich internationale Entwicklungen durchaus auf das Leben der Bevölkerungsgruppen vor Ort aus. Durch eine starke Globalisierung oder Internationalisierung der Gesellschaften entsprechen ihre formalen Grenzen längst nicht mehr dem realen Leben der Menschen. So zeigen Marina Richter und Michael Nollert in dem von ihnen verfassten Kapitel auf, dass die Kinder spanischer Migrierter in engem Kontakt zu ihrem Netzwerk ausserhalb des Aufnahmelandes stehen. Und Peggy Levitt, Kristen Lucken und Melissa Barnett haben herausgefunden, dass immer mehr junge Inder in den USA unter Bezugnahme auf indische Vorbilder Hinduismus und Islam im amerikanischen Kontext ganz neu interpretieren.

Zukunftsweisende Wege

Am Ende ihres Werks skizzieren Bolzman, Bernardi und Le Goff mögliche Forschungsansätze für die Zukunft und formulieren eine Reihe von Empfehlungen. Sie erinnern daran, wie wichtig es ist, die Forschungspopulationen korrekt zu identifizieren und sich nicht nur auf marginalisierte Gruppen zu konzentrieren. Denn nur so sei es möglich, die Erfolgsfaktoren zu ermitteln. Die Autoren rufen dazu auf, die Situation der Zugewanderten nicht nur bis ins junge Erwachsenenalter hinein zu erforschen, sondern sich für den gesamten Lebensverlauf zu interessieren. Unter Berücksichtigung eines vergleichenden Ansatzes müssten dabei auch Übergangssituationen, die Beziehungen zwischen den Generationen sowie transnationale Aspekte in die Überlegungen mit einbezogen werden.

http://www.springer.com/de/book/9789402411393#

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